Montag, 14. Juli 2008

Meine letzte Woche im Trio...Pauls Abschied

[Wer keine Lust hat auf sentimentales Geschwafel und einen persönlichen Einblick in meine Gedanken, der möge jetzt bitte die Seite schließen]

Wie ich es schon oft in den letzten Wochen erwähnt habe, sind Paul aus Österreich und Liam aus Italien zu meinen beiden besten Freunden hier in Luxemburg geworden und vielleicht sogar generell. Das wird sich jetzt zeigen müssen.

Denn gestern, am Sonntag, war es für Paul so weit gewesen: für ihn ging es wieder zurück in die Heimat, sein EFD im Theater war zu Ende. Also haben wir seine letzte Woche in Luxemburg dazu genutzt, noch so viel wie möglich von dem zu machen, das wir uns für unser halbes Auslandsjahr vorgenommen, aber noch nicht geschafft hatten.

Los ging es am Dienstag mit einer letzten Stadttour durch Luxemburg, bei der wir alles abklapperten, was wir bis jetzt noch nicht gesehen hatten. Wir nahmen daher an einer Tour durch die Kasematten teil, also durch die unterirdischen Gänge innerhalb der ehemaligen Verteidigungsmauern Luxemburgs. Anschließend gingen wir in die große Kirche inmitten der Stadt und besichtigten ein Bank-Museum ganz in der Nähe.
Abgesehen von dieser kulturellen Bildung, sind wir viel durch die Straßen geschlendert, haben unsere üblichen langen Gespräche geführt, waren in einem barocken Café und zum Abschluss des Abends in einem Pub.

Selten habe ich bisher erlebt, dass das Gesprächsrepertoire mit einem Freund so unausschöpflich zu sein scheint, wie mit ihm.

Am Donnerstag fuhren wir endlich nach Trier, der nächsten deutschen Stadt, die einen Besuch wert sein solle. Da Liam Besuch von seinen Eltern hatte, konnte er unser Trio wieder nicht komplettieren.
In der alten Römerstadt Trier haben Paul und ich uns die Porta Nigra, ein altes römisches Stadttor angesehen, wo einem allerdings auch kaum eine Wahl gelassen wird, da man ohnehin an diesem Tor vorbei läuft ;-)
Wir haben weiter unser nach wie vor standhaftes Gesprächsrepertoire ausgetestet, sind durch die hübsche Stadt geschlendert und haben es genossen, dass in Deutschland alles deutsch ist. Die Kassiererinnen sind wieder unfreundlich, aber man kann sie immerhin auf deutsch begrüßen. Die Straßenschilder zeigen deutsche Namen, jeder Gesprächsfetzen, den man auf der Straße aufschnappt, ist deutsch und am aller schönsten: die Preise sind es ebenfalls wieder ;-)

Am Abend gingen wir in das Geburtshaus von Karl-Marx, ein heutiges Marx-Museum. Leider bestand dieses nur aus großen, wenn auch hübschen Tafeln, die man sich durchlesen musste. So schritt man durch das Haus, von Tafel zu Tafel und las sich alles über Marx, Engels und Marxismus durch sowie über alles, was mit diesem Thema zusammen hängt. Das war genauso wissenswert wie ermüdend, was mein gutes Gewissen, etwas für die Bildung getan zu haben, allerdings nicht mindert.

Das folgende Mal, das wir uns wieder sahen, war vorerst das letzte Mal, dass wir uns wieder sehen werden. Für Samstag hatte Paul bei sich in der Wohnung in Troisvierges eine kleine Abschiedsfeier geplant, für seine Freunde bzw. Mitarbeiter aus dem Theater sowie natürlich ausgewählte andere Freiwillige.
Liam und ich kamen extra etwas eher zu Pauls Wohnung, um noch ein wenig Zeit allein zu dritt zu haben und etwas zu essen vorzubereiten. Als ich die Wohnung betrat, die Tür stand offen, saßen Paul und Liam vor mir auf dem Sofa, Liam spielte Gitarre, und sie begannen ein kleines Lied für mich zu singen, dass sie kurz vorher für mich gedichtet hatten. Ich war ziemlich gerührt und hab mich wahnsinnig gefreut, dass sie so etwas für mich tun. Das war das Liebste und Niedlichste, das Freunde je für mich gemacht haben, was mich hoffen lässt, dass diese Freundschaft vielleicht tatsächlich wenigstens noch eine Weile von Dauer ist.




Nach dem Kochen ließen die Gäste auf sich warten. Die erste Freundin musste schon nach einer knappen Stunde wieder gehen, von den nächsten beiden Mädels, Schwestern, blieb ebenfalls nur eine bei uns. Mai, so ihr Name, machte dafür mit uns eine kleine Führung durch ihr Heimatdorf Troisvierges.
So besuchten wir DEN Kinderspielplatz, DEN „Dorfberg“ und DEN Brunnen der drei Jungfrauen von Troisvierges und kehrten zu Pauls Wohnung zurück. Zwischendurch waren mittlerweile zwei Freiwillige zu uns gestoßen, zwei andere Freiwillige sollten außerdem noch folgen.
So saßen wir am Abend zu siebt um einen runden Tisch und genossen den letzten Abend miteinander, denn bis auf einer werden auch alle anderen, die am Tisch saßen, in den nächsten 2 Wochen nach Hause zurück kehren. Ich erst in 6 Wochen…
Wir schafften es recht gut, nicht sentimental zu werden. Die ganze Zeit über machte mindestens einer, Paul oder Liam, Musik mit der Gitarre. Wir sangen zusammen, wünschten und suchten uns Lieder aus dem Liederbuch und versuchten, den Refrain für Pauls selbst komponiertes Lied zu finden.
Mitten in der Nacht, in einem Anfall von Tatendrang, entfernten wir noch die zahllosen Poster von Pauls Wänden und gingen ins Bett.

Der nächste Morgen war zumindest für mich schon sentimentaler. Nach dem Frühstück blieben nur noch Liam und ich in Pauls Wohnung zurück. Wir halfen, wo wir konnten, beim Aufräumen und Putzen, kochten essen für uns drei und leisteten uns Gesellschaft.
Ich hab erfahren, dass es nicht einfach ist, einem Freund beim packen zuzusehen, geschweige denn ihm beim Weggehen zu helfen…ehrlich gesagt ist es sogar absolut beschissen. Für mich war es schwer, meine Emotionen in diesem Fall runter zu schlucken und bei mir, für mich zu behalten.

Nach den letzten wunderbaren und lustigen Stunden zusammen, war ich die erste, die nach Hause fuhr. Ich konnte mir nicht ein Wort zwischen den Tränen herausquetschen und so ging ich wortlos, aber herzlich. Traurig, aber lächelnd.
Im Zug auf dem Rückweg war es allerdings unmöglich, das Geheule bei mir zu halten…für die nächsten Stunden rann das Wasser unaufhörlich und unerklärlich aus meinen Augen...



Paul verglich unsere Situation mit dem Film „Catch me if you can“: Man fängt woanders ein neues Leben an, baut Beziehungen zu Menschen auf und gerade, wenn man weiß, wie die Dinge laufen, gerade, wenn man Menschen als „Freunde“ bezeichnen kann, muss man wieder gehen.
Das liest sich so leicht und klingt nach Abenteuer, aber es ist keine leichte Sache. Ich werd nie bereuen, dieses EVS gemacht und mich auf andere Menschen so sehr eingelassen zu haben, aber momentan scheint mir der Gedanke, eines Tages einen weiteren Freiwilligendienst zu machen, fast unmöglich. Es kostet so viel Kraft und Arbeit, sich Menschen zu öffnen, sie kennenzulernen, Freundschaften aufzubauen und sich dann zu trennen. Ich hasse dieses merkwürdige Gefühl dieses leeren Flecken, der in einem zurück bleibt, wenn man anfängt, an Freundschaften zu arbeiten, sie zu formen, Zeit und Kreativität zu investieren…und dann ist auf einmal alles vorbei und man merkt nur, dass was fehlt.

Alles in allem versuche ich damit deutlich zu machen, wie tief und ernsthaft Freundschaften sein können, selbst, wenn sie seit noch nicht langer Zeit bestehen. Ich weiß, dass Paul, Liam und ich noch genug Gesprächsstoff für mindestens die doppelte Zeit gehabt hätten und dass es noch manches gibt, was wir nicht voneinander wissen.
Dennoch hoffe ich, dass aus dieser kurzen und intensiven Freundschaft eine dauerhafte, wenn auch natürlich weniger intensive Freundschaft werden kann und werden wird. Ich bin froh, dass mein EVS solche Freunde und folglich schöne Erinnerungen beinhaltet hat und ich bin überzeugt, dass wir drei uns nicht nur gut verstanden haben, weil wir gemeinsam einen Freiwilligendienst erlebt haben. Ich glaube, das ist mehr als nur eine Freundschaft, die ausschließlich aufgrund eines gemeinsamen Erlebnisses besteht (wie es bei Schulfreunden oft der Fall ist), und ich hoffe, dass ich damit recht behalte. Wir sind ein gutes Dreiergespann, weil die Chemie gestimmt hat und Chemie ist nichts, was einfach aufhört.

Der letzte Moment vorm Abschied


Was auch kommen mag: Das Beste ist, dass mir die vergangenen 6 Monate und die Erinnerungen an sie niemand mehr nehmen kann! Genauso wenig wie die Hoffnung, dass ich meinen Freunden genauso wertvoll bin, wie sie mir und dass sie genauso Lust haben wie ich, noch etwas mehr Zeit und Arbeit in diese Freundschaft zu investieren.


Ich hab sehr euch lieb!
Sandra


3 Alben zu der Woche gibts auf studivz.

Montag, 7. Juli 2008

Meine Woche…Fußball-EM, Besuch von Zuhause, Regenguss

Am Sonntag, nach dem Samstag in Lüttich (Belgien) und dem Frühstück mit Pia und Vangelis bei Liam in Eupen, machte ich mich mit Zug wieder auf zurück nach Hause. Martin sollte am Sonntag zu Besuch kommen, weshalb ich so früh in Eupen los gefahren bin und darauf verzichtet hatte mit Pia und Liam auf das Eupener Musikfestival „Musikmarathon“ zu gehen. Das einzig interessante, das ich dort verpasst habe, war „Mando Diao“ und „Wir sind Helden“. Schade, aber man kann ja nicht alles haben…

Zuhause angekommen war Martin bereits da und saß mit Maria in der Sonne. Für Abends hatten wir geplant, auf dem Place Guillaume das EM-Finale anzuschauen und uns mit den anderen Freiwilligen zu treffen, die Martin dann endlich einmal kennenlernen würde. Das war mir wichtig, damit wenigstens einer zuhause in Magdeburg meine Freunde von hier kennt. Ich hielt ein Fußball-Spiel für die ideale Situation Martin meinen Freunden vorzustellen, denn wenn sie sich untereinander nicht leiden könnten, müssten sie nicht reden.

Voller Enthusiasmus und Vorfreude auf das Spiel und das Kennenlernen fuhren wir mit Maria, Sandra und Kay in die Stadt. Aufgrund der langen Parkplatz-Suche, (die Stadt war ungewöhnlich voll), kamen wir 15 Minuten zu spät zum Spiel und trafen auf einen ungewöhnlich überfüllten Place Guillaume.
Das hatte ich nicht erwartet. Am Mittwoch zuvor, beim Deutschland-Türkei Halbfinale, war der Platz zwar auch voll, aber die Menschen waren nicht gedrängt. Man hatte Platz zum atmen, sogar zum feiern, springen und jubeln und, um sich bis nach ganz vorn bis direkt vor den großen Flatscreen zu quetschen.
Am Sonntag sah alles anders aus. Es ist schwer zu schätzen, wie viele Menschen da waren (vielleicht 1000?), aber sie standen so dicht gedrängt bis an die äußersten Ecken des Platzes, dass ein Durchkommen unmöglich war! Es war wie beim Nationalfeiertag. Das nächste Problem war, dass wir mit unseren Bierdosen nicht durch die Security-Kontrolle kamen und deshalb unser Bier schnell trinken mussten, um auf den Platz zu kommen. Es war furchtbar…ich hasse Bier schnell trinken.

Auf dem Platz angekommen standen wir so weit hinten, dass ich die gesamten 90 Minuten lang auf dem Bildschirm nur oben links den Spielstand und die Spielzeit erkennen konnte. An ein Treffen mit den Freiwilligen war gar nicht mehr zu denken. Mehr als die Hälfte der Freiwilligen, von denen ich wusste, dass sie kommen, haben kein Handy, von der anderen Hälfte hatte ich die Nummer nicht. Der einzige Freiwillige, den ich erreichen konnte, hatte sich entschieden zuhause zu bleiben. So war es unmöglich, die anderen zu finden. Und beim Halbfinale war es so einfach gewesen…

Als wäre das alles nicht schon frustrierend genug gewesen, immerhin ging wirklich alles schief, was ich geplant hatte, verlor Deutschland auch noch das Spiel. Ich hab mich für Maria mit gefreut und bin um der guten Stimmung und des Feierns Willen auf die spanische Seite gewechselt….so war der Verlust viel leichter zu ertragen.
In der ganzen Hauptstadt hupten die Autos der spanischen Anhänger wie wild vor sich hin, Maria natürlich mit von der Partie. In Tétange, meinem kleinen, verschlafenen Heimatstädtchen, beschloss sie, die Leute aus ihren Betten zu hupen. Nicht ein Auto hupte zurück, bis wir die Kirche erreichten, wo ein paar Halbnackte Spanier mit Flaggen und guter Laune die Straße blockierten, um jeden Autofahrer aufzuklären, dass Spanien gewonnen hatte. Maria freute sich darüber sehr…durch die mit Spaniern gefüllten Straßen kam das Gefühl von „Zuhause“ bei ihr auf und sie war zufrieden und (schaden-)froh :o)
Ansonsten verlief die Woche bis auf Mittwoch gemütlich und ohne spektakuläre Zwischenfälle. An besagtem Tag beschlossen Martin und ich jedoch, Maria und Txalo zum Hundetraining zu begleiten. Aber kaum kamen wir dort an, fing es wie aus Eimern an zu Regnen und unserem Vorhaben wurde ein Strich durch die Rechnung gemacht. Bei Regen gibt’s kein Hundetraining, außerdem war der Trainer nicht da.
Da der Regen wieder aufhörte und wir noch keine Lust hatten nach Hause zu fahren, machten wir einen Zwischenstopp im Wald, von dem es hier ja jede Menge gibt. Wir spazierten, spielten mit Txalo – und plötzlich begann der Regen des Jahres! Innerhalb einer Minute waren die Wege trotz schützender Bäume durchnässt, genauso wie unsere Kleidung. Da wir weit vom Auto entfernt waren, machte es keinen Sinn, sich zu beeilen und so spazierten wir gemütlich weiter und genossen den Sommerregen, am meisten Txalo, der übermütig in die Pfützen sprang.
Als wir den Punkt erreicht hatten, an dem man nicht mehr nasser werden kann, machte ich die sehr angenehme, in pitschnasser Kleidung in einem Auto mit Ledersitzen nach Hause zu fahren.

Im Nachhinein denke ich: Ich hätte wissen müssen, dass es an diesem Tag Regnen würde, denn nach 5 Tagen Sonne und Dauerhitze (30°), hatte ich mich am Mittwoch dazu entschlossen, doch mal Wäsche zu waschen und sie nach draußen zu hängen. Als wir zum Hundetraining fuhren war die Wäsche so gut wie trocken…und da hätte ich es wissen müssen. Eindeutiger geht es doch nun wirklich nicht mehr!

Am Donnerstag fuhr Martin nach Hause. Den Freitag nutze ich aufgrund der vielen liegen gebliebenen Arbeit zum arbeiten. Abends kamen dann zwei spanische Freunde von Maria, die in Belgien leben. Ich hatte mich auf ein lustiges Wochenende mit den Spaniern gefreut, aber daraus wurde leider nichts. Hatte ich mich am Freitag Abend mit den Spaniern noch auf englisch unterhalten, kam am Samstag eine weitere spanische Freundin und ich musste feststellen: Spanier haben leider die Angewohnheit spanisch zu reden und ich verstehe kein Wort. Da sie alte Freunde sind und sich viel zu erzählen hatten, beschloss ich mich zurück zu ziehen und Maria mit ihren Freunden allein zu lassen.

So wurde mein Samstag zu dem langweiligsten aller Zeiten. Abends wurde ich zwar eingeladen, die Spanier zu ihrer Nacht-Tour durch Luxemburg zu begleiten, aber bei spanischem Alkoholkonsum kann ich nicht ansatzweise mithalten und ich hatte auch keine Lust, den ganzen Abend nichts zu verstehen. Die Spanier kamen Sonntag morgen um halb 7 aus der Stadt zurück und ich war froh, sie nicht begleitet zu haben.

Am Sonntag war ich dann spontan mit meinen zwei Mitbewohnern Kay und Ender, sowie dessen Freunden wieder auf dem Place Guillaume, wo diesmal eine Art Rock Open Air Festival statt fand. Es gab zwei Bühnen, eine große und eine kleine, auf denen jeweils eine Rockband für jeweils eine halbe Stunde spielte. Da die kleine Bühne gemütlicher war, blieb ich dort und hörte mir zwei Bands an. Im Anschluss war ich taub, weil ich genau vor der Bühne gestanden hatte…
Zwischendurch ging ich was essen und bin nun wieder um eine Erfahrung reicher. Mein Fazit: Nachdem man Fast Food gegessen hat, stellt man sich anschließend nicht sofort wieder zurück vor die Bühne und läst sich eine Stunde lang von Bassgitarre und Schlagzeug beschallen. Mein Bauch wurde davon so durch-vibriert, dass mir eine Weile lang schlecht war.

Mit Essen und Rumgucken waren wir nur zwei Stunden da und das fand ich sehr angenehm. Die zwei Bands, die ich mir intensiv angeguckt habe, waren ziemlich in Ordnung gewesen. Von der einen („Glitter and Trauma“)werde ich mir auf jeden Fall ein Album besorgen.
Alles in Allem hätte man später gehen müssen, wenn das Publikum nicht mehr aus 16jährigen möchtegern-rockigen Mädchen besteht, die mit ihren fetzigen Haarreifen, ihren roten Lippen, ihren Ballerina-Schuhen und ihren billigen H&M Lederjacken alle gleich aussahen und ohne Kopf oder Füße auch nur einen einzigen Millimeter zu bewegen steif vor der Bühne standen, weil ihre Brüste aus dem viel zu tief ausgeschnittenen Oberteil hätten fallen oder die Haarspray-Frisur hätte verrutschen können.


Zuhause klang der Abend mit glühenden, tauben Ohren, aber ansonsten langweilig aus. Fotos zu dieser Woche gibt’s wie immer bei studivz.


Hab euch lieb,
Sandra

Freitag, 4. Juli 2008

Mein Samstag in Liége...

Letztes Wochenende, also ein Wochenende nach dem Nationalfeiertag, also der Tag, an dem meine Oma Geburtstag hat, also kurz gesagt am 28. Juni, machte ich eine kleine Reise.

Schon lange habe ich eine Liste mit Reisezielen in den umgebenden Ländern Frankreich, Belgien und Deutschland. An diesem besagten Samstag ergab es sich nun, dass Liége (gesprochen: Liääsch; deutsch: Lüttich), eine Stadt in Belgien an der Reihe war. Noch dazu hatten wir jemanden, der uns die schönsten Ecken der Stadt zeigen konnte: Unser Freiwilliger Liam (halb Italiener, halb Deutscher) macht nämlich seinen Freiwilligendienst in Belgien, ist schon oft in Lüttich gewesen und hat sich bereit erklärt, die Stadt einmal von ihrer schönen Seite zu präsentieren.

Gegen Mittag kamen Pia (deutsche Freiwillige) und ich, nach einer langen Abschiedsparty in der Nacht zuvor, schlaftrunken in Lüttich an und waren froh, dass man die Sitze im Zug zu Betten umfunktionieren konnte. Eine Funktion, die wir nur zu gern genutzt hatten.
Kurze Zeit später kamen Liam und unser Freiwilligenpärchen Vangelis (Grieche, in Wirklichkeit Evangelos) und Monica (aus Lettland…oder wars Estland?) genauso müde am Bahnhof an. Schon dieser neue Bahnhof bietet mit seinem strahlenden weiß und seinen Tausend Fenstern einen wunderschönen Anblick.

Nur schade, dass die Umgebung des Bahnhofs sehr trist war, das Wetter ebenfalls furchtbar grau war und ich keine andere Stadt kenne, in der der Bahnhof so weit entfernt ist vom Zentrum der Stadt.
In der folgenden Stunde spazierten wir auf dem Weg ins Zentrum durch das noch triste Lüttich. Und auf einen Schlag änderte sich das Flair und die Stadt zeigte sich von einer ganz anderen, schöneren Seite: Enge, von Menschen überfüllte Strassen gesäumt von hohen, alten, schönen Häusern gaben einem kleinen Flohmarkt, vielen kleinen Läden, Cafés und Pubs eine gemütliche Atmosphäre…
Noch nie bin ich durch eine Stadt gegangen und habe mich so sehr durch Europa geschleudert gefühlt, wie in Lüttich. Im einen Moment sagt jemand „Hier sieht es aus wie in Italien“ und im nächsten Moment waren wir uns einig, dass die Straße doch eher einer Londoner Straße ähnelt oder ein bestimmter Platz den Eindruck vermittelt, man sei in Amsterdam. Lüttich ist voll von Einflüssen…an jeder Straßenecke glaubt man, in einer anderen Stadt oder hier schon einmal gewesen zu sein.

Nachdem wir verzweifelt eine Möglichkeit günstig zu essen gesucht haben und in einem Café gemütlich große Sandwiches, Crepes und Waffeln verschlangen, ging es weit durch die Stadt. Plötzlich zeigte sich, dass es Sommer ist. Für eine Stadttour wurde es unerträglich heiß, noch dazu machte uns die Hitze, das Essen und die zu lange Nacht nur noch träge.
Und dann, in diesem trägen, müden, heißen Moment erreichen wir sie: Eine Treppe, wie sie nur aus einem schlimmen Albtraum entspringen kann. Wie ich recherchiert habe, hat sie 374 Stufen und damit für unseren Zustand mindestens 370 Stufen zu viel. Wir verdrehten die Augen, aber wir stöhnten, wir schwitzten, wir pausierten, wir jammerten, wir hechelten und wir dursteten und schließlich nach oben bis zur letzten Stufe. Die Aussicht war recht beeindruckend, allerdings war sie auch alles, was einen dort oben, abgesehen von einer Bank, erwartete.

Sie war zu lang, viel zu lang


Oben hinter der Treppe war nur ein, wenn auch wunderschönes, Wohnviertel, dessen Straßen steil bergab gingen und uns so wieder schnurstracks nach unten führten. Wieder einmal folgt die Erkenntnis: Man erklimmt Berge anscheinend überall auch der Welt nur einzig und allein, um wieder herunter zu wandern.

Der restliche Tag ging mit Spazieren, Schwitzen und dem Besichtigen von Plätzen, Gebäuden und Kirchen weiter. Am frühen Abend legten wir noch eine Pause in einem Café ein und die Jungs bestellten sich ein Kwak: ein starkes, typisch belgisches Bier, das man nur in diesem Land erhält und gemäß der Tradition aus äußerst seltsamen, speziellen, sanduhr-förmigen Gläsern trinken muss.

Nachdem wir Monica zurück zum Bahnhof gebracht hattet, sie fuhr wieder nach Hause, beschlossen wir zu müde zu sein, um Abends noch ein Bier in einem Lütticher Pub zu trinken und um 21 Uhr den letzten Zug zurück nach Eupen zu nehmen, die Kleinstadt, in der Liam wohnt. Bis dahin begaben wir uns auf die Suche nach den berühmten belgischen Pommes.
Auf dem Weg dorthin betrachteten wir von einer Brücke aus die Maas (ich fühlte mich wie Zuhause an der Elbe), gingen in einen Tante-Emma-Laden und begegneten zum dritten Mal in Folge einem alten, dicken Mann mit Weihnachtsmann-Gesicht und merkwürdiger Tracht. Die letztendlich gefundenen Pommes waren zwar lecker, preiswert und absolut genug, um satt zu werden, allerdings war zu viel Salz auf ihnen und ich habe die falsche der ca. 15 angebotenen Soßen gewählt. Notiz an mich: Soße „Andalouse“ ist nicht mein Fall. Man sollte doch bei dem bleiben, das man kennt.

Als es plötzlich 20 vor 9 war, mussten wir einen Bus nehmen, um unseren letzten Zug überhaupt noch schaffen zu können und dann auch noch innerhalb von 5 Minuten vom Bus zum Zug laufen. In Eupen folgte dann eine halbe Stunde Fußmarsch bis zu Liams Zuhause, was jedoch weniger an der langen Strecke vom Bahnhof bis zum Wohnheim, als eher an unseren lahmen, platten Füßen lag.

In Eupen arbeitet Liam mit behinderten Jugendlichen und Erwachsenen und wohnt auch in einem Wohnheim für ca. 20 Erwachsene mit schwerer, geistiger Behinderung. Jeder Bewohner hat sein eigenes Bad sowie einen eigenen großen Wohnraum, der durch eine halbe Wand in Küche und „Lebensraum“ getrennt wird.
Schwer vorstellbar für mich, aber auch Liam lebt hier tagein, tagaus. In seinem Zimmer angekommen, mussten wir jedoch leider feststellen, dass einer unserer Schlafplätze fehlt. Eine der drei angeforderten Matratzen wurde Liam nämlich wieder entzogen. Nach einer Suchaktion durchs Haus kehrte Liam zurück mit einer blauen, kleinen, schmalen, aufblasbaren Pool-Matratze, die für eine Nacht zu seinem Schlafplatz degradiert wurde.

Ansonsten folgte an diesem Abend nur noch Gemütlichkeit. Vangelis und Monica hatten sich in Lüttich eine Wasserpfeife gekauft, die es nun natürlich einzuweihen galt. Nachdem dafür (mit fast flüssigem Apfel-Tabak) alles fertig präpariert war, stellten wir jedoch fest, dass Liam kein Aluminiumpapier im Haus hat, etwas, das zum Rauchen einer Wasserpfeife um jeden Preis benötigt wird, um das Stück Kohle zum Erhitzen des Tabaks darauf zu legen. Die fanatische Suche nach Alufolie begann. Kaugummi-Papier? Brennt! Das Silberpapier einer Zigarettenschachtel? Brennt! Das Papier am Verschluss einer Weinflasche? Zu klein! Usw.…
Unsere Lösung war der Aluminium-Deckeln eines Marmeladenglases, der zwar im Grunde genommen seinen Job tat, aber zu dick war, nicht genug Wärme durchließ und das Rauchen so unmöglich machte. Was soll’s…Rauchen ist ja ungesund!

Nach einem mitternächtlichen Abendbrot, Sandwiches mit Soße „Samurai“ (Notiz an mich: mhh…lecker), gings ab in die Heia. Hin und wieder aufgeweckt von schreienden, gegen die Wand schlagenden oder mit Bällen dribbelnden, behinderten Mitbewohnern, war die Nacht nicht allzu erholsam und mein Respekt für Liams Wohnsituation wuchs ins Unermessliche.

Nach dem Frühstück, Sandwiches mit Soße „Samurai“, machten Vangelis und ich uns mit Zug auf zurück nach Luxemburg, wo Martin mich für seinen letzten Besuch vor meiner Heimfahrt Zuhause schon erwartete.

Pia blieb mit Liam in Eupen und besuchte den Musikmarathon, ein großes Musik Festival, auf das ich verzichtet hatte, damit Martin mich eher besuchen konnte (und ich mir Abends in der Stadt das EM-Finale Spanien-Deutschland angucken konnte).
Alles in allem war der Tag in Lüttich lustig, voller guter Gespräche, guter Freunde und gutem Essen. Noch dazu fühle ich mich jetzt kulturell durch die Besichtigung der Stadt gebildet :o)

Das Fotoalbum gibt’s seit gestern auf studivz.


Ich schick euch liebe Grüße,
Sandra

Dienstag, 24. Juni 2008

Mein Nationalfeiertag.....Meine Party.....Meine Freunde

Hinter mir liegen die zwei mitunter schönsten Tage meines Freiwilligendaseins und zwei Resultate, die aus diesen Tagen hervor gehen: LUXEMBURG LEBT und PARTY MACHT SPASS!

Aber alles der Reihe nach:
Am Samstag begann in Luxemburg mit der „Fete de la musique“ (Musikfete) das Leben auszubrechen. Überall in der Stadt gab es zahllose Konzerte, Musik aller Art bis zum Abwinken. Gleichzeitig hat Maria Besuch von zwei spanischen Freunden bekommen, mit denen sie leider bis Nachts in der Stadt blieb und sich ein paar Konzerte beäugte. Aufgrund einer schlechten Planung und Organisation, bin ich an diesem Tag zuhause geblieben, hatte aber nicht das Gefühl, was besonderes verpasst zu haben. Was ich auch verpasst habe, die zwei folgenden Tage hätten ehe alles getoppt.

Nachdem ich mit den drei spanischen Chicas (Mädchen) Samstag Nachts bei Kerzenschein und sommerlichen Temperaturen noch lange vorm Haus gesessen und geredet habe, haben wir auch den sonnigen Sonntag mieinander verbracht.
Dieser 22. Juni, glücklicher Weise dieses Jahr ein Sonntag, ist ein ganz besonderer Tag. Da am 23. Juni der Geburtstag des Großherzogs in Form eines Nationalfeiertages gefeiert wird, bricht am Vortag die große Party aus und ca. 200.000 Menschen füllen die Straßen des Luxemburger Grunds (das Tal in Luxemburg). Warum auch immer so etwas Großartiges, wie das gemeinsame Feiern eines ganzen Landes, hier möglich ist und in Deutschland nicht.

Der Samstag begann jedenfalls gemütlich mit drei Spanierinnen und jeder Menge Nudelauflauf und Nudelsalat in der Sonne. Um 17 Uhr hab ich mich dann ohne die Mädels, die erst später starteten, mit Bus aufgemacht in die Stadt und am Bahnhof Paul und Liam abgefangen. Wir gingen zum Treffpunkt mit drei anderen Freiwilligen und fuhren dort gemeinsam zu sechst (!) im Auto zur Maison. (Der Parkplatzwächterin auf dem Parkplatz blieb bei dem Anblick von sechs Leuten in einem Auot der Mund offen stehen.)

Falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte: Seit es Freiwilligendienste in Luxemburg gibt, gibt es auch die Maison (zu deutsch: Haus), ein großes Haus, das ausschließlich zum Wohnen für bis zu 8 Freiwillige gedacht ist. Momentan leben 6 Freiwillige dort und auch Maria hat als Freiwillige vor 6 Jahren dort gewohnt. Die Maison ist damit ein Haupttreffpunkt und Hauptschlafplatz für alle Freiwilligen, die in der Hauptstadt sind und Nachts nicht mehr nach Hause wollen. Da Delphine, die dort auch wohnt, nicht daheim war, hatten Paul, Liam und ich für diese Nacht ein eigenes Zimmer, mit eigenem Bett in einem eigenen der drei Stockwerke :o)

Nach einem ersten kleinen Drink machten wir 11 Freiwillige uns auf in die Stadt, zum Public Viewing des Spiels Italien gegen Spanien. Da ich keinen Favoriten hatte, hab ich mich aus Solidarität zu unserem Italiener Liam mal entschieden, pro Italien zu sein…zum Glück war Maria nicht da, sonst hätte ich ein Problem gehabt :o)
Der Weg zum Pub war beschwerlich, zum einen, weil es wie aus Eimern regnete, zum anderen, weil die Stadt im Grund bereits voller Menschen und Konzerte war und das Vorankommen sich schwierig gestaltete. Angekommen im Pub war dieser zweifellos überfüllt, wahnsinnig überteuert und bei 30° Außentemperatur auch übermäßig überhitzt. Unter diesem Umstand (man sah nix vom Spiel, hörte nix vom Spiel und schwitzte im Sitzen), war es nicht gerade eine Freude das 0:0 Spiel anzuschauen, dafür aber eine willkommene Abwechslung mal nach draußen zu huschen und sich die Konzerte oder die Parade für den Großherzog anzusehen. Leider habe ich denselbigen nur auf einer Leinwand gesehen.
Die Menschenmengen im Grund wurden immer größer, die Musik immer lauter und die Menschen immer betrunkener.
Das Elfmeter-Schiessen war eine Erleichterung und das Geschrei und Gejubel im Pub groß. Endlich konnten wir alle zusammen weiter ziehen und nach einem erneuten, verzweifelten Versuch, den Großherzog zu sehen, zu einem netten Platz schreiten, an dem wir das groß angekündigte Feuerwerk bewundern konnten. Der Plan ging nicht ganz auf, da wir nicht viel sehen konnten und unterwegs ein paar Freiwillige verloren haben. Es lohnte sich allerdings zu einem anderen Platz zu flitzen und die letzten Minuten des Feuerwerks in voller Pracht zu sehen.
Nachdem wir eine Stunde zusammen standen, Revue passieren ließen und planten, wie wir den Abend jetzt „ausklingen“ lassen wollen, entschieden wir uns in die überfüllte Patzyzone, in die tanze Masse und die Laute Musik zu gehen. Wie durch ein Wunder trafen wir auch noch andere Freiwillige und stürzten uns in die Menge, wo wir bis 3 Uhr morgens tanzten, natürlich nur, um den Geburtstag des Großherzogs zu feiern.

Ich war wirklich erstaunt, wie gut es funktioniert, dass die Hälfte der Landesbewohner aus ihren Häusern kriecht und die sonst so leere Stadt mit einer großen, gemeinsamen Party belebt…als hätten sie 364 Tage lang auf Nichts anderes, als auf diese eine Nacht gewartet. Ebenfalls beeindruckend war die Zeit, die man brauchte, um sich allein durch eine einzige Straße zu kämpfen, wenn zwischen den Menschen auf dieser Straße meist nur wenige Millimeter Platz blieben. Dieser Umstand und fehlende öffentliche Verkehrsmittel morgens um 3 Uhr verursachten, dass wir eine Stunde nach Hause in die Maison benötigten und dann immer noch nicht ins Bett konnten, da erst mal 8 Personen durch ein Badezimmer huschen mussten. Das braucht Zeit…Um 5 waren wir alle im Bett.

Es war ein Abend mit allem Drum und Dran. Von überwältigenden Menschenmassen, einem Fußballspiel mit spannendem Elfmeter, einem Feuerwerk, vielen und guten Gesprächen, bis hin zur Musik und Tanzerei ließ dieser Abend nichts zu wünschen übrig.

Umso gemächlicher begann der nächste Tag. Um 10 Uhr begann in der Stadt eigentlich die große Militärparade und das Auflaufen und Winken der herzoglichen Familie. Manche von uns wollten sich für diesen feierliche Anlass um 9 Uhr aus dem Bett kämpfen, geschafft hat das allerdings niemand.
Um 13 Uhr kamen die letzten Freiwilligen aus den Federn gekrochen und wir versammelten uns in der Küche zum gemeinsamen Riebel-Essen. Riebel ist in bestimmten Regionen Österreichs eine traditionelle Speise, bestehend aus Gries, Milch und Mehl, gegessen mit Zimt, Zucker und Apfelmus, aber (wie die Österreicher drauf beharren) NICHT vergleichbar mir Milchreis. Ein solches Essen kam für mich als erste Mahlzeit nach so einer Nacht allerdings nicht in Frage :o)

Den restlichen Tag verbrachten wir gemütlich in Luxemburg Stadt, durch den Grund schlendernd, barfuß auf der Wiese liegend, in der Sonne bei 30°, auf dem Kinderspielplatz und beim Eis essen. Das Erstaunlichste dabei war, dass Nichts mehr von dem Dreck und Chaos der letzten Nacht zu sehen war. Nicht ein Becher, nicht eine Scherbe einer zerbrochenen Bierflasche, nicht einmal ein Zigarettenstummel lag mehr irgendwo in den Straßen herum. Es war beeindruckend.

Die zwei Tage waren so lustig, aufregend, sonnig, gesprächsreich, warmherzig, ausgelassen und erschöpfend, dass es mir vorkommt, als wäre ich eine Woche lang im Kurzurlaub gewesen. Ich bin ziemlich froh darüber, dass wir Freiwilligen noch einmal ein so tolles Erlebnis zusammen hatten, bevor innerhalb der nächsten 40 Tage fast alle nach Hause zurück kehren…diese Party muss man erst mal versuchen zu übertreffen!!! Und ich habe gemerkt, wie nötig es mal wieder war, völlig loszulassen und zu feiern...das letzte Mal ist schon verdammt lange her...zu lange!

Das Fotoalbum bei studivz wird diesmal leider noch etwas auf sich warten lassen. Aber es wird kommen!


Fühlt euch gedrückt!

Mittwoch, 18. Juni 2008

Mein Midterm-Training

Letzte Woche Montag war es endlich so weit: Das Midterm-Training sollte beginnen. Wie ihr euch sicher erinnern könnt, hatte ich vor meiner Ankunft in Luxemburg ein Pre-Departure-Training, sowie ein On-Arrival-Training nach meiner Ankunft. Nach der Hälfte der zu absolvierenden Zeit im Ausland, findet dann eben ein solches Midterm-Training statt.

Das Training sollte diesmal nicht in Belgien stattfinden, sondern in Luxemburg, genauer gesagt in der sich in portugiesischen Händen befindenden Stadt Larochette (sprich: Laroschätt). Ca. 70% der Einwohner dort sind Portugiesen.
Bereits vor meiner Reise dorthin war ich positiv aufgeregt und freute mich schon sehr, die anderen Freiwilligen endlich wieder zu sehen und 4 Tage von Montag bis Mittwoch mit ihnen zu verbringen.
Da ich zum Training einen großen Karton QUEESCHES mitnahm (der Name der Zeitung, für die ich arbeite), um sie unter den anderen Freiwilligen zu vermarkten, fuhr mich Ender mit Auto zum Training, was ich nur allzu ok fand. Ich konnte später aufstehen, musste nicht mit Bus fahren…perfekt.

Zum Training in der Jugendherberge angekommen gab es das übliche Prozedere: Herzliche Begrüßung untereinander, im Kreis sitzen, noch einmal eine Vorstellungsrunde für die drei neuen Teilnehmer und natürlich die Vorstellung der drei Trainer Georges (lustiger Spanier, der mich nur noch mit „Schwester“ ansprach, nachdem er festgestellt hatte, dass ich genauso viel essen kann, will und muss wie er), Mark (luxemburgischer Kotzbrocken) und Jan (zurückhaltender Belgier, guter Zuhörer, sehr tiefsinnig).
Wie immer ging alles spielerisch vonstatten. Ob wir über uns erzählen mussten, über unsere Arbeit bei unserem Projekt oder unser Leben in Luxemburg, es war immer in Spiele eingebunden, die lustig und auch für 26järige absolut aushaltbar waren, sofern man sich einfach mal darauf einließ, dass man hier noch mal Schulkind sein darf. Das Wichtigste war, dass die Spiele uns wach hielten.

Unsere Gruppe war mittlerweile geschrumpft von 28 auf überschaubare 16 Freiwillige, die noch übrig waren. Dadurch entstand ein viel wärmeres, intimeres Klima, man hatte Zeit für jeden und ging nicht in der Menge unter. Dadurch, dass wir uns alle schon kannten, wurde auch alles leichter. Man kam sofort ins Gespräch und ich hatte den Eindruck, als wären alle Freiwilligen nach 4 bis 9 Monaten des auf-sich-allein-gestellt-Seins im Ausland erwachsener geworden, mutiger und selbstbewusster und niemand war mehr verschlossen oder schüchtern. Noch dazu hatten die meisten Freiwilligen ein paar Brocken deutsch gelernt, andere konnten jeder deutschen Unterhaltung folgen, jedoch noch nicht deutsch reden, was ein enormer Fortschritt ist, wenn man bedenkt, dass sie vorher nie deutsch in der Schule gelernt haben.

Da wir furchtbar gutes, heißes Wetter hatten, viel die Abendplanung der Trainer für den Regen-Fall aus und wir suchten uns selbst Beschäftigungen. So verschlug es uns am ersten Abend, nach dem Auffrischen der Freundschaften, an den einzigen öffentlichen Platz in Larochette, wo mit einer großen Leinwand zum Public Viewing, also zum gemeinschaftlichen Fußball Gucken eingeladen wurde. Es spielte Italien gegen Niederlande, die Stimmung an meinem Tisch war heiter und die Nationalitäten bunt: Ein Pole, ein Grieche, ein Italiener, ein Österreicher, ein Spanier und mit mir zwei Deutsche. Der einzige, dessen Stimmung sich zusehends verschlechterte, war Liam, der Italiener, der ab dem 3:0 für die Niederlande nur noch schwieg.

Was haben wir sonst besonderes getan? Ohne jetzt noch den Wochentag zuordnen zu können, bekamen wir von den Trainern jede Menge Aufgaben zu bewältigen. So mussten wir zum Beispiel unsere Rolle in unserem Freiwilligenprojekt in Form einer Statue darstellen, bestimmte Bilder zeichnen (wie etwa ein eigenes Wappen) oder uns in verschiedenen Gruppen über verschiedene Erfahrungen austauschen, was ich als sehr hilfreich empfand. Am entspannendsten war jedoch eine andere Aufgabe: Jeder bekam ein großes weißes Blatt und verschieden farbigen Kunstsand zu Verfügung gestellt, um mit diesem Sand das eigene Projekt darzustellen. Man konnte kreativ sein und in sich gehen und konnte über alles einmal Klarheit gewinnen. Dafür kam sich noch einmal wie im Kunstunterricht vor.

Generell ist man sich im Laufe des Training über Dinge bewusst geworden, über die man zuvor nicht nachgedacht hatte. So redeten wir zum Beispiel über den sogenannten Kulturschock, den jeder von uns erfahren hat und wie sich dies bemerkbar machte, wir mussten zusammentragen, was als typisch luxemburgisch kennengelernt haben und wir tauschten uns aus, wer wo schon war, wer wo noch hin möchte und was empfehlenswert ist zu sehen.
Dabei entstanden jetzt sogar Gruppen von Freiwilligen, die in Zukunft etwas zusammen unternehmen werden. Zum Beispiel ist noch ein Ausflug in einen der luxemburgischen Abenteuerparks geplant, wo man sich dann an Hochseilakten und anderen spaßigen und angsteinflößenden Aktivitäten erfreuen kann. Ich werd natürlich mit dabei sein….Mutprobe ich komme! :o)
Nächstes Wochenende findet dann zum einen ein Musikfestival in Belgien statt, wo einige von uns hingehen werden, zum anderen verbringen wir am Montag den luxemburgischen Nationalfeiertag miteinander. Es ist etwas schade, dass wir erst so kurz vor dem Ende anfangen, gemeinsame Aktivitäten zu planen, aber man braucht im Ausland eine lange Orientierungszeit und Eingewöhnungsphase, bis man schnallt, was man als Freiwilliger mit anderen Freiwilligen alles unternehmen kann. Aber besser spät als nie…

Weiter erwähnenswert sind noch das Lagerfeuer einschließlich Holzsammeln und –verkleinern (à siehe lustige Fotos bei studivz), sowie der grandiose „Türkische Abend“. Unsere zwei türkischen Freiwilligen (beide schon Ende 20 und beide haben schon viel im Bereich Organisation in der Türker gearbeitet), haben einen Abend organisiert, der ganz in dem Zeichen der Türker stehen sollte: die Farben, das Essen, die Musik bis hin zur Präsentation. Ich hatte mir diesen Abend schon besonders vorgestellt, aber die Realität übertraf meine Vorstellung bei weitem. Der Türkische Abend fand in einem großen Saal statt mit 4 langen, weißen Tafeln, rot-weißer, sehr hübscher Tisch-Deko, Luftballon mit Türkei-Flagge, einer großen Bühne mit Leinwand, Flyern extra für den Abend, Reise- und Infobroschüren über die Türkei…die Veranstaltung ließ nichts zu wünschen übrig, um uns das Land näher zu bringen.
Außer einer Tafel mit uns Freiwilligen, waren die anderen Tische mit Leuten im Rentenalter besetzt, mit denen die beiden Türken im Zuge ihres Projektes zusammen arbeiten. Während der gefühlten einstündigen Präsentation der Geschichte der Türkei, verhungerten manche beinah. Das Resultat war, dass innerhalb von 2 Minuten das servierte Brot gegessen war, bevor die dazugehörige Suppe serviert wurde :o)
Die Hauptspeise war für meinen Geschmack wieder zum dahin schmelzen, das Dessert dafür überhaupt nicht nach meinem Geschmack, aber man kann ja nicht alles haben. Alles in Allem war dieser Abend einer der lustigsten, die ich je erlebt habe, was zum größten Teil an der Gesellschaft der beiden Freiwilligen Paul und Liam lag, in denen ich zwei gute Freunde gefunden habe. Bei der Diskussion über die Blödsinnigkeit der luxemburgischen Sprache tränten mir die Augen und schmerzte mir der Bauch vor Lachen.
Ohne die Gesellschaft der anderen Freiwilligen (und Maria) wäre mein Aufenthalt in Luxemburg bis jetzt nicht das geworden, was er geworden ist und ich hätte nur wenig Freude daran gehabt, hier zu leben. Schade nur, dass die Zeit mit den neu gewonnen Freunden jetzt schon wieder fast vorbei ist…auf dem Training ist mir bewusst geworden, dass ich sie sehr vermissen werde.


Euch vermiss ich natürlich auch :o) Ich hab euch lieb
Sandra


Fotoalbum wie findet ihr wie immer auf studivz!

Mittwoch, 4. Juni 2008

2 Wochen, 3 Besuche: Besuch aus Schweden, Luxemburg und Deutschland

Schweden
Aus Mangel an Fotos hatte ich bisher nicht erwähnt, dass ich am Dienstag den 13. Mai nach dem Pfingstbesuch von meinen Eltern und vor dem Radio-Workshop am Mittwoch einen mehr oder weniger spontanen Besuch von einer Freundin aus Schwedin bekommen habe.

Aber eins nach dem anderen: Diese Freundin, Elke, kommt in Wirklichkeit aus Deutschland. Ich habe sie im Februar auf dem Ausreiseseminar in Witzenhausen kennengelernt, 3 Tage, bevor ich nach Luxemburg ging. Wir hatten gleich einen Draht zueinander und hatten es bisher geschafft, während ich Freiwillige in Luxemburg bin und sie in Schweden, Kontakt zu halten.
Da sie nun Urlaub in Saarbrücken, also in der Nähe von Luxemburg machte, kam sie vorbei, um mich zu besuchen und sich mal die Stadt anzusehen. Mit dem vom ihr gewählten Tag hatte sie wirklich wahnsinnig Glück: Der Himmel war blau, die Sonne schien, die ganze Stadt schien auf den Beinen zu sein und zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Noch dazu hatte ich ja am Wochenende zuvor mit Maria, meinen Eltern und Martin meine erste Tour durch die luxemburgische Sehenswürdigkeit schlechthin gemacht, nämlich den Grund.

Dadurch hatte ich schon einmal etwas, das ich Elke stolz aus meiner neuen Heimat präsentieren konnte. Wir gingen ungefähr den gleichen Weg, den ich ein paar Tage zuvor gegangen war und es war genau wie beim ersten wunderschön. In Elke, die Frankreich samt Sprache über alles liebt, entbrannte Sehnsucht, als sie all die Leute und Verkäufer französisch sprechen hörte. Und durch sie war es zum ersten Mal auch kein Problem ein Sandwich zu bestellen :o)
Nach dem Spaziergang durch den Grund und unendlichem Austausch über unser Befinden im Ausland weit weg von Familie und Freunden, sind wir noch schnell zu mir nach Hause in mein rosa Märchenhaus gefahren. Ich zeigte ihr, wie ich lebe, den Garten, die Katzen und den Hund, der Elke für ihren Geschmack ein wenig zu aufdringlich war :o) Da ist sie ja nicht die einzige, die so denkt…
Am späten Nachmittag war der kurze Besuch schon vorbei und Elke stieg wieder in den Bus, zurück in die Stadt und zurück nach Saarbrücken. Es war ein echt schöner Besuch…ich hoffe wir sehen uns auf dem Abschlussseminar in Deutschland wieder.

Luxemburg
Zwei Wochenenden später fand am 24. Mai ein seit einem Monat geplanter Grillabend statt. Und NATÜRLICH, wie das immer so ist, wenn man etwas für sehr lange Zeit plant, fiel der Abend ins Wasser.
Zuerst einmal war bis 3 Tage vor dem Grillen noch nicht klar, wer überhaupt kommt und ob es überhaupt stattfindet. Dann, als Paul und Delphine zugesagt hatten, war es schwierig zu entscheiden, wer wann kommt und wer wann geht. Delphine hatte Tanzunterricht, Paul musste arbeiten und so konnten beide erst Abends gegen 7 kommen, was uns nicht viel Zeit zum Grillen gab, da der letzte Bus zurück in die Stadt bereits um 10 fuhr und beide nicht bei mir schlafen konnten. Denn Delphine hatte Sonntag tanzen, Paul musste arbeiten…
Den ganzen Tag über war des Wetter dann zwar trocken und warm, aber auch ziemlich grau und schwül. 10 Minuten bevor Paul dann kam, fing es an in Strömen zu regnen. Vorbei mit meinem Plan gemütlich draußen in der Natur in der Sonne zu grillen und Txalo umher laufen zu lassen.
Delphine kam dann auch und wir versuchten verzweifelt zusammen mit Kay und Sandra und jeder Menge Zeitung zum Wind Wehen, den Grill anzukriegen. Aber Regen und Feuer macht sich nicht so gut zusammen und so mussten wir unser Fleisch drinnen in der Pfanne grillen. Zwischendurch habe ich mich dann noch von Kopf bis Fuß eingesaut beim Spielen mit Txalo.

Grundsätzlich wurde es dann aber doch noch ein schöner Abend, wir hatten sozusagen einen Grill- und Kochabend in einem. Mit Salat, 6 Sorten Senf und Unmengen Fleisch wurden wir kugelrund erfreut von halbnackten No Angels und Shakira-artig tanzenden Südeuropäerinnnen beim Grand Prix, der nebenan im Wohnzimmer lief und einen schiefen Ton nach dem anderen an unsere Ohren trug. 22 Uhr hatte ich glücklicher Weise eine Pause von diesem Krach und konnte Paul und Delphine zum Bus bringen.

Deutschland
Letzten Freitag war es wieder so weit für den Besuch von Martin. Bereits Mittags stand er hungrig und erschöpft vor der Tür und musste mit mir erst mal einkaufen fahren, weil ich nichts mehr hatte.
Freitag und Samstag haben wir dann unsere Zeit miteinander genossen, indem wir die Gegend etwas mit Txalo erkundet und endlich einmal die „Berge“ erklommen haben, die das Tal umschließen, in dem unser Haus steht und auf denen ich täglich die Spaziergänger und Wanderer sehe. Da wollte ich schon immer mal hoch.

Am Sonntag, dem 1. Juni, war hier in Luxemburg der Tag der Natur und ich musste für 4 Stunden arbeiten an einem Stand unseres Infoladens, der auf der Veranstaltung zum Naturtag mal wieder vertreten war. Es stellte sich heraus, dass wir das Wochenende, an dem Martin kommt, gar nicht besser hätten wählen können. Ohne Ahnung, wo diese Veranstaltung stattfindet, da wir mindestens 3 unterschiedliche Wegbeschreibungen erhielten, irrten wir Morgens um 10 in Martins Auto durch ganz Esch, bis wir den Platz für die Veranstaltung schließlich etwas abgelegen hinter einem kleinen Waldstück fanden. Ohne das Auto wären wir (Kay, Delphine, Martin und ich) aufgeschmissen gewesen.
Nach dem Aufbau des Infostandes fuhr Martin wieder nach Hause und Delphine und ich sortierten T-shirts, saßen in der Sonne, saßen im Schatten, standen in der Sonne, standen im Schatten, schauten uns die ganzen Stände an, ärgerten uns über die hohen Preise…kurz gesagt: wir langweilten uns, denn es gab Vormittags aus Mangel an Besuchern noch nichts zu tun. Aber Martin holte uns ja glücklicher Weise 14 Uhr wieder ab und der „Arbeitstag“ war vorbei.
In den 3 Stunden, die er zuhause war, hatte er den ganzen Rasen gemäht und mein Zimmer gesaugt …was für ein Mann ;-)

Sonntag Abend musste ich aufgrund einer plötzlichen Blasenentzündung ins luxemburgische Medico Center und durfte dort 75€ dafür bezahlen, damit ich mich überhaupt ins Wartezimmer setzen durfte. Die Arztrechnung fürs Fieber Messen und Verschreiben von Medikamenten wird mir per Post zugeschickt und ich bin schon mal gespannt darauf…
Sonntag und Montag hieß es dann also alle 5 Minuten auf Toilette rennen und kränkelt vom blöden Antibiotika im Bett liegen. Abends fuhr Martin wieder nach Hause und unsere gemeinsamen 4 Tage waren viel zu schnell vorbei.


Fotos zu den drei Besuchen findet ihr wieder bei studi :o)

Bis bald dann…*winkewinke*
Hab euch lieb

Freitag, 23. Mai 2008

Radio-Workshop im Bodensee-Camp

Sandra, eine meiner Mitbewohnerinnen, arbeitet in Luxemburg bei dem freien Radiosender ARA. Bereits im April hatte sie mich gefragt, ob ich sie und ein paar andere Leute vom Radio im Mai mit zu einem Radio-Workshop auf einem Campingplatz am Bodensee begleiten würde. Dort findet seit 1996 jedes Jahr um Pfingsten ein Radio-Camp statt.

Ich war sehr unschlüssig und meine Entscheidung ließ lange auf sich warten. Immerhin war ich noch nie wirklich campen und hatte wenig Lust auf 5 Tage schlafen in der Kälte, spärliches Essen und auf Sandras Freunde, die meistens Spanier und Franzosen sind und sich daher nur auf spanisch oder französisch unterhalten. Ich wollte nicht 5 Tage lang ignorierter Außenseiter sein. Allerdings gab ich mir einen Ruck, als Sandra mir erzählte, dass auch für mich die komplette Reise und Unterbringung vom Radiosender ARA bezahlt werden würde und so biss ich die Zähne zusammen und sagte zu. Und dann kam alles ganz anders…

Mittwoch morgen haben wir uns alle am Bahnhof in Luxemburg getroffen. Ich lernte die 5 netten Leute, 4 Luxemburger und eine Bayerin, kennen, mit denen Sandra und ich die nächsten Tage verbringen würden. Insgesamt waren wir 2 Jungs (Joël und Tom) und 5 Mädels (Ich, Sandra, Martine, Manon, Laura) von 19 bis 30 Jahren und alle sprachen deutsch :o) Bis auf mich arbeiten alle von ihnen bei Ara oder kennen zumindest den Radiosender. Ich nicht.

Hier ein Bild vom Bahnhof auf dem Weg zum Bodensee: Martine, Laura, ich, Sandra, Joel, Tom (v.l.n.r.)

Am Bahnhof auf dem Hinweg


Unsere Gepäckmenge war so immens, dass wir im Zug zwei ganze Abteile, also 12 Plätze besetzten. Die 6stündige Zugfahrt nach Markelfingen an den westlichen Bodensee war schon einmal lustig. Zwar verfielen alle immer wieder ins Luxemburgische, aber das verstehe ich wenigstens zur Hälfte.
Das Bodensee-Camp war dann eine große, positive Überraschung. Mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt und zum Bodensee gebracht, erwartete uns ein großer, grüner Campingplatz direkt am See. Abgesehen von zahlreichen großen, weißen Zelten mit Holzboden, Feldbetten und Lampen für mehrere Personen, gab es auch jede Menge Grünfläche, um seine eigenen Zelte aufzuschlagen. Der sogenannte „Duschpalast“ hat seinen Namen wirklich verdient. Die Duschen und Toiletten boten mehr Komfort und waren ansehnlicher als bei mir zuhause. Im sogenannten Steinhaus, also dem einzigen Haus auf dem Campingplatz, befanden sich 4 Computer, um ins Internet zu gehen, sowie eine Küche für die Kochcrew und alle Utensilien zur Behandlung für Verletzungen.

Gegessen wurde draußen auf Holzbänken an Holztischen oder bei Regen in einem großen Zelt. Nach unserer Ankunft, nachdem Sandra, Manon und ich unsere eigenen Zelte aufgebaut hatten, nach dem Sonnenbaden am Strand und nach der ersten Mahlzeit, gab es ein großes Plenum mit allen 50 Radio-Camp-Teilnehmern, die bis auf 3 Personen auch alle bei freien Radios arbeiten. Es wurden die Regeln für das Camp sowie der Ablauf erklärt und es gab eine kleine Vorstellungsrunde.

Sonnenbaden-am-Bodensee
Sonnenbaden am Bodensee...für Laura auch Wasserbaden *bibber*


Bereits beim anschließenden Abendbrot stellte ich fest, dass es nicht nur zwei Mal täglich warmes Essen gibt, sondern dass es ein Fehler war, anzugeben, dass ich kein Vegetarier bin. Alle Vegetarier erhielten nämlich ein grünes Armband, alle Fleischesser, so wie ich, erhielten ein Rotes. Die Folge war, dass es bei beiden warmen Mahlzeiten, also zwei Mal täglich 5 Tage lang, Fleisch gab. Das war viel zu viel für mich…jetzt kann ich Fleisch erst mal nicht mehr sehen.
Den Abend ließen wir ausklingen mit Uno spielen. Anschließend begann für mich in meinem Zelt der Krampf einen Platz zu finden, an dem der Boden unter mir wenigstens halbwegs eben war. Der Versuch war Vergebens…ich schlief eher aus Erschöpfung vom Suchen ein als aus Müdigkeit und erlebte eine unbequeme, erste Nacht.
Am nächsten Morgen nach dem wunderbaren Frühstück wurden in einem weiteren Plenum die 4 Workshops des Tages vorgestellt. Leider liefen alle Workshops täglich parallel und so musste man sich immer für einen entscheiden oder nach der Mittagspause wechseln. Ein Workshop dauerte täglich von 9 Uhr – 12.30 Uhr und ging nach dem Mittagessen und der Mittagspause von 15 Uhr – 18 Uhr weiter. Niemand war zu der Teilnahme an Workshops verpflichtet, man konnte also auch einfach nur Urlaub am See machen, was auch manche nutzen.
An meinem ersten Tag gab es zwei interessante Workshops. Da ich aus Mangel an Erfahrung allerdings noch nicht so weit war, vor 10 oder 15 anderen Teilnehmern eine Radio-Sendung aufzunehmen, wählte ich statt des Moderationsworkshop, bei dem man das Moderieren sowie schreiben und aufnehmen von Beiträgen lernte, den Stimmenworkshops, bei dem man lernte, seine Stimme zu nutzen, zu trainieren und zu optimieren. Allein der Workshop-Leiterin konnte man stundenlang zuhören…sie hat die angenehmste Erzählstimme, die ich so jemals gehört habe.
Von ihr haben wir viele gute Möglichkeiten gelernt, die Stimme zu entspannen, um sie lange nutzen zu können, die Stimme weich zu machen, die Aussprache zu verbessern oder die Aufregung vor einer Sendung, die zum Stottern und zu Luftknappheit führt, zu mindern oder abzuschütteln. Wie das bei Stimmübungen nun manchmal der Fall ist, waren manche Übungen lächerlich bis peinlich, aber da mussten wir ja alle zusammen durch. Und schließlich waren alle Übungen hilfreich, um stressige Situationen in Zukunft zu bewältigen und die Stimme angenehmer und ansprechender zu machen.
Das interessanteste war das Suchen und Finden des sogenannten Schokoladentons, also der Ton, bei dem die eigene Stimme am angenehmsten zum Zuhören klingt. Es war leicht, diesen Ton zu finden, aber nicht leicht diese Frequenz beim sprechen zu halten, da sie deutlich tiefer ist, als die normale Sprechstimme. An jeden Teilnehmer hat die Leiterin im Anschluss noch einmal ein persönliches Wort gerichtet über Beobachtungen, die sie gemacht hat. Dabei musste ich mir zum x-ten Mal sagen lassen, dass es sehr erstaunlich ist, dass ich wirklich aus dem Osten komme, weil ich eine akkurat klare völlig dialekt- oder akzentfreie Aussprache habe und übrigens dem Schokoladenton beim sprechen schon sehr nahe bin *stolz auf die Schulter klopf*

Für die Abendgestaltung gab es ein Partyzelt samt Bar und später mal wieder die Suche nach einer bequemen Stelle zum einschlafen im Zelt auf der Isomatte. In einem der großen weißen Zelte wollte ich nicht schlafen, weil ich ein bisschen Privatsphäre und Alleinsein, sowie kein Geschnarche oder Geschnatter, wenn ich schlafen will, sehr schätze.
Am zweiten Tag wählte ich einen weniger interessanten Workshop und die Auswahl war auch leider nicht so toll gewesen. Der Recherche-Workshop, der mich interessiert hatte, fiel leider aus und so begab ich mich in den Workshop eines Hallensers. Sehr angenehmer Mann, mit sehr angenehmer Stimme und sehr tiefgründigen Gedanken, aber leider auch einem Interesse für sehr langatmige Diskussionen, die mich etwas langweilten und deren Sinn ich nicht verstand. Plötzlich fühlte ich mich wie zuhause in Magdeburg (keine Wunder, Halle ist ja in der Nähe), wo ich unzählige Menschen kennengelernt habe, die viel, tiefgründig und irgendwie auch unverständlich und immer um den Punkt einer Sache drum herum reden müssen. Das scheint also doch eine spezifisch ostdeutsche Angewohntheit zu sein :o)
Den restlichen Nachmittag verbrachte ich also in der Sonne, schlafend und lesend am wunderschönen Bodensee, in praller Sonne, wie man noch jetzt an meiner möhrenfarbenen Haut erkennen kann.

Am letzten Tag (es regnete wie verrückt) war ich im „Audacity Workshop“. Audacity ist ein Audioprogramm, mit dem „Radiomenschen“ arbeiten, um Beiträge zu schneiden oder einfach irgendwie zu bearbeiten. Abgesehen von der ganzen Theorie im ersten Workshopteil (*schnarch*), also wie Audacity entstand, wie es funktioniert, auf welchen Betriebssystemen es läuft und wie man es installiert, war der Workshop wirklich hoch interessant und hat wahnsinnig Spaß gemacht. Ich hätte mich noch ewig mit dem Programm beschäftige können, das wir im Anschluss sogar alle auf CD gebrannt zum Mitnehmen bekommen haben.

Nach 4 Tagen Workshops, unbequemes Schlafen, zweimal täglich Fleisch essen, Sonnenbaden und Uno spielen mit sehr interessanten Regeln, gab es eine Abschlussfeier in einem kleinen blauen Zirkuszelt mit großem DJ-Pult, kleiner Bar, großer Tanzfläche und jeder Menge Sofas. Es wurde ordentlich getrunken, getanzt und wenige nutzen sogar die Zeltstange inmitten der Tanzfläche etwas sinnentstellend. Draußen auf dem Campingplatz wurde die große Feuerstelle auch zum Feuer- und Musikmachen genutzt.
In dieser Nacht habe ich allein in einem der großen, weißen Zelte geschlafen, da es regnen sollte und ich mein Zelt, das ich von Maria bekommen hatte, trocken einpacken musste. Es war die erste komfortable Nacht auf dem Campingplatz, dennoch bereue ich es nicht, zuvor in meinem eigenen Zelt geschlafen zu haben.
Überhaupt haben die meisten Leute in ihren eigenen Zelten geschlafen, sodass die Mehrzahl der weißen Zelte, vor allem die „Party-Zelte“ leer blieben. Von den Leitern des Camps wurde uns erzählt, dass wir seit dem ersten Radio-Camp vor 13 Jahren die ruhigste Truppe waren…dennoch wurde uns am letzten Abend um 2 Uhr der Strom abgedreht, weil die Musik zu laut war.

Alles in allem waren die 5 Tage sehr lehrreich, ich habe viele Leute kennengelernt und noch viel mehr über das Radiomachen erfahren. Sandra hat mir auch zum wiederholten Male angeboten, bei Radio ARA zu arbeiten oder bei einer Sendung mitzumachen. Mal sehen, ob ich Zeit und Mut finde, darauf einzugehen.
Auch die Gesellschaft der 6 anderen Luxemburger war recht angenehm. Einziges Manko war, dass sie sich ausschließlich auf luxemburgisch unterhielten und ich deshalb zum einen unter einer Sprachstörung litt und mir spätestens ab dem dritten Tag unwohl wurde, wenn ich auch nur ein Wort luxemburgisch hörte. Diese Sprache klingt nämlich wie grammatikalisch falsches, unsauberes und genuscheltes deutsch mit ein paar Fremdworten. Bis jetzt wird mir beim Hören des morgendlichen, luxemburgischen Radios schlecht…ich kann es nicht mehr hören und meine Sprache leidet bedenklich. Ich beginne (haltet euch fest!) auf luxemburgisch zu denken! Wenn ich Abends ins Bett gehe, dann schwirren mir all diese luxemburgischen Gespräche im Kopf rum….es ist furchtbar. Ansonstens wars aber wirklich überraschender Weise super!


Mit dieses Worten…hab euch lieb
knutschi

Fotos gibts wie immer bald beu studivz.

Mittwoch, 21. Mai 2008

Pfingsten: Besuch aus der Heimat

Dieser Nachtrag kommt deutlich später als geplant, aber die gesamte letzte Woche war ich hoch beschäftigt gewesen und hatte keine Gelegenheit, etwas zu schreiben.

Am 10. Mai habe ich endlich Besuch von zuhause, von meinen Eltern und Martin, bekommen. Gegen Mittag, kurz vor ihrer Ankunft, steigerte sich meine Aufregung unerklärbarer Weise bis ins Unermessliche. Das heißt, so unerklärbar war die Aufregung nicht. Ich hatte Angst, dass es ihnen hier nicht gefallen könnte, dass sie die Art und Weise, wie ich hier lebe, kritisieren oder sich hier selbst nicht wohl fühlen.
Meine Befürchtungen waren jedoch völlig umsonst und das Wochenende wurde gemütlich und familiär. Glücklicher Weise sind die Hälfte meiner Mitbewohner über’s Wochenende ausgeflogen und nur Maria und teilweise Ender waren zuhause. Ich war sehr froh darüber, dass meine Eltern Maria, meinen Sonnenschein hier im Haus, kennenlernen würden. Allerdings machte ich mir Sorgen um die sprachlichen Schwierigkeiten die entstehen könnten, da Maria sich mit uns nur auf englisch verständigen kann und ich bisher immer gedacht hatte, meine Eltern könnten nicht ausreichend englisch, um damit zu kommunizieren.

Das Auto war bis zum Rand gefüllt mit Essen fürs Wochenende und unendlich viel Proviant für meine letzten drei Monate hier. Es gab Nudeln, Sauerkraut und Galuschken von meiner Oma, sowie Kartoffelsalat von meinen Eltern und Nudelsalat von mir. Gleich nach ihrer Ankunft gab es also erst mal ein großes Festessen, bei dem wir gerade einmal die Hälfte allen Essens geschafft haben. Bereits an dieser Stelle musste ich zu meinem Erstaunen feststellen, dass sich meine Eltern und Maria problemlos verständigen konnten. Mit ihren geringen Deutschkenntnissen konnte Maria meine Eltern genauso gut verstehen wie meine Eltern mit ihren geringen Englischkenntnissen sie. Der Rest funktionierte über Häde und Füße.
Nachmittags hat Maria mit ihrem Hund und mit uns eine Tour durch den sogenannten „Grund“ gemacht, ein tiefes Tal mitten in Luxemburg Stadt, in dem es viele interessante Sehenswürdigkeiten zu bestaunen gibt. Seit meiner Ankunft in Luxemburg wollte ich den Grund einmal sehen, habe es aber nie geschafft jemanden zu finden, der ihn mir zeigt und allein macht es ja keinen Spaß.
Nach zwei Stunden Spaziergang sind wir wieder zu fünft plus Hund im Auto zusammen gequetscht nach Hause gefahren, um dort zu grillen, nachdem wir den restlichen Tag in der Sonne gelegen hatten. Wieder hieß es essen bis zum platzen.

Am nächsten Tag begann mein Papa mal ein bisschen Rasen zu mähen mit unserem nagelneuen Rasenmäher. Aus einem bisschen wurden allerdings nach und nach 5 Stunden, die er und Martin gebraucht hat, um das gesamte Grundstück zu mähen. Ein Stück der Arbeit wollten wir uns eigentlich teilen, aber ich muss beim Mähen einen so jämmerlichen Eindruck gemacht haben, dass mir der Rasenmäher nach zwei Bahnen wieder entzogen wurde.
Nachmittags (nach wieder einmal zu viel Essen) sind wir zum Infoladen gefahren, meinem Arbeitsplatz, den ich meinen Eltern gern zeigen wollte. Die Reaktion war nicht so schlimm wie ich erwartet hatte, denn glücklicher Weise sieht der Infoladen auf Fotos viel schlimmer aus, als in Wirklichkeit und so fanden sie den Raum eher nur amüsant.

Ansonsten spielte an diesem Wochenende Txalo, Marias Hund, eine große Rolle. Er war total vernarrt in meinem Papa (das lag vielleicht auch an den Würstchen, die er beim grillen immer bekommen hat) und das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Auch Maria findet meine Eltern großartig und umgekehrt genauso. Meine Befürchtung, die drei nicht allein lassen zu können, weil sie nicht die gleiche Sprache sprechen, war völlig überflüssíg. Ich war überrascht, wie gut sie sich unterhalten konnten und froh, dass sie sich so sehr mochten, wie ich es im Voraus geahnt hatte. Das Wochenende lief wie geschmiert.


Das war’s auch schon vwieder von mir. Es war unglaublich schön, mal wieder ein bisschen Familie hier zu haben und zeigen zu könne, wie ich lebe. Das Fotoalbum zu diesem Pfingstbesuch findet ihr bereits bei studivz.


Bis zum nächsten Eintrag…fühlt euch gedrückt

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