Freitag, 23. Mai 2008

Radio-Workshop im Bodensee-Camp

Sandra, eine meiner Mitbewohnerinnen, arbeitet in Luxemburg bei dem freien Radiosender ARA. Bereits im April hatte sie mich gefragt, ob ich sie und ein paar andere Leute vom Radio im Mai mit zu einem Radio-Workshop auf einem Campingplatz am Bodensee begleiten würde. Dort findet seit 1996 jedes Jahr um Pfingsten ein Radio-Camp statt.

Ich war sehr unschlüssig und meine Entscheidung ließ lange auf sich warten. Immerhin war ich noch nie wirklich campen und hatte wenig Lust auf 5 Tage schlafen in der Kälte, spärliches Essen und auf Sandras Freunde, die meistens Spanier und Franzosen sind und sich daher nur auf spanisch oder französisch unterhalten. Ich wollte nicht 5 Tage lang ignorierter Außenseiter sein. Allerdings gab ich mir einen Ruck, als Sandra mir erzählte, dass auch für mich die komplette Reise und Unterbringung vom Radiosender ARA bezahlt werden würde und so biss ich die Zähne zusammen und sagte zu. Und dann kam alles ganz anders…

Mittwoch morgen haben wir uns alle am Bahnhof in Luxemburg getroffen. Ich lernte die 5 netten Leute, 4 Luxemburger und eine Bayerin, kennen, mit denen Sandra und ich die nächsten Tage verbringen würden. Insgesamt waren wir 2 Jungs (Joël und Tom) und 5 Mädels (Ich, Sandra, Martine, Manon, Laura) von 19 bis 30 Jahren und alle sprachen deutsch :o) Bis auf mich arbeiten alle von ihnen bei Ara oder kennen zumindest den Radiosender. Ich nicht.

Hier ein Bild vom Bahnhof auf dem Weg zum Bodensee: Martine, Laura, ich, Sandra, Joel, Tom (v.l.n.r.)

Am Bahnhof auf dem Hinweg


Unsere Gepäckmenge war so immens, dass wir im Zug zwei ganze Abteile, also 12 Plätze besetzten. Die 6stündige Zugfahrt nach Markelfingen an den westlichen Bodensee war schon einmal lustig. Zwar verfielen alle immer wieder ins Luxemburgische, aber das verstehe ich wenigstens zur Hälfte.
Das Bodensee-Camp war dann eine große, positive Überraschung. Mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt und zum Bodensee gebracht, erwartete uns ein großer, grüner Campingplatz direkt am See. Abgesehen von zahlreichen großen, weißen Zelten mit Holzboden, Feldbetten und Lampen für mehrere Personen, gab es auch jede Menge Grünfläche, um seine eigenen Zelte aufzuschlagen. Der sogenannte „Duschpalast“ hat seinen Namen wirklich verdient. Die Duschen und Toiletten boten mehr Komfort und waren ansehnlicher als bei mir zuhause. Im sogenannten Steinhaus, also dem einzigen Haus auf dem Campingplatz, befanden sich 4 Computer, um ins Internet zu gehen, sowie eine Küche für die Kochcrew und alle Utensilien zur Behandlung für Verletzungen.

Gegessen wurde draußen auf Holzbänken an Holztischen oder bei Regen in einem großen Zelt. Nach unserer Ankunft, nachdem Sandra, Manon und ich unsere eigenen Zelte aufgebaut hatten, nach dem Sonnenbaden am Strand und nach der ersten Mahlzeit, gab es ein großes Plenum mit allen 50 Radio-Camp-Teilnehmern, die bis auf 3 Personen auch alle bei freien Radios arbeiten. Es wurden die Regeln für das Camp sowie der Ablauf erklärt und es gab eine kleine Vorstellungsrunde.

Sonnenbaden-am-Bodensee
Sonnenbaden am Bodensee...für Laura auch Wasserbaden *bibber*


Bereits beim anschließenden Abendbrot stellte ich fest, dass es nicht nur zwei Mal täglich warmes Essen gibt, sondern dass es ein Fehler war, anzugeben, dass ich kein Vegetarier bin. Alle Vegetarier erhielten nämlich ein grünes Armband, alle Fleischesser, so wie ich, erhielten ein Rotes. Die Folge war, dass es bei beiden warmen Mahlzeiten, also zwei Mal täglich 5 Tage lang, Fleisch gab. Das war viel zu viel für mich…jetzt kann ich Fleisch erst mal nicht mehr sehen.
Den Abend ließen wir ausklingen mit Uno spielen. Anschließend begann für mich in meinem Zelt der Krampf einen Platz zu finden, an dem der Boden unter mir wenigstens halbwegs eben war. Der Versuch war Vergebens…ich schlief eher aus Erschöpfung vom Suchen ein als aus Müdigkeit und erlebte eine unbequeme, erste Nacht.
Am nächsten Morgen nach dem wunderbaren Frühstück wurden in einem weiteren Plenum die 4 Workshops des Tages vorgestellt. Leider liefen alle Workshops täglich parallel und so musste man sich immer für einen entscheiden oder nach der Mittagspause wechseln. Ein Workshop dauerte täglich von 9 Uhr – 12.30 Uhr und ging nach dem Mittagessen und der Mittagspause von 15 Uhr – 18 Uhr weiter. Niemand war zu der Teilnahme an Workshops verpflichtet, man konnte also auch einfach nur Urlaub am See machen, was auch manche nutzen.
An meinem ersten Tag gab es zwei interessante Workshops. Da ich aus Mangel an Erfahrung allerdings noch nicht so weit war, vor 10 oder 15 anderen Teilnehmern eine Radio-Sendung aufzunehmen, wählte ich statt des Moderationsworkshop, bei dem man das Moderieren sowie schreiben und aufnehmen von Beiträgen lernte, den Stimmenworkshops, bei dem man lernte, seine Stimme zu nutzen, zu trainieren und zu optimieren. Allein der Workshop-Leiterin konnte man stundenlang zuhören…sie hat die angenehmste Erzählstimme, die ich so jemals gehört habe.
Von ihr haben wir viele gute Möglichkeiten gelernt, die Stimme zu entspannen, um sie lange nutzen zu können, die Stimme weich zu machen, die Aussprache zu verbessern oder die Aufregung vor einer Sendung, die zum Stottern und zu Luftknappheit führt, zu mindern oder abzuschütteln. Wie das bei Stimmübungen nun manchmal der Fall ist, waren manche Übungen lächerlich bis peinlich, aber da mussten wir ja alle zusammen durch. Und schließlich waren alle Übungen hilfreich, um stressige Situationen in Zukunft zu bewältigen und die Stimme angenehmer und ansprechender zu machen.
Das interessanteste war das Suchen und Finden des sogenannten Schokoladentons, also der Ton, bei dem die eigene Stimme am angenehmsten zum Zuhören klingt. Es war leicht, diesen Ton zu finden, aber nicht leicht diese Frequenz beim sprechen zu halten, da sie deutlich tiefer ist, als die normale Sprechstimme. An jeden Teilnehmer hat die Leiterin im Anschluss noch einmal ein persönliches Wort gerichtet über Beobachtungen, die sie gemacht hat. Dabei musste ich mir zum x-ten Mal sagen lassen, dass es sehr erstaunlich ist, dass ich wirklich aus dem Osten komme, weil ich eine akkurat klare völlig dialekt- oder akzentfreie Aussprache habe und übrigens dem Schokoladenton beim sprechen schon sehr nahe bin *stolz auf die Schulter klopf*

Für die Abendgestaltung gab es ein Partyzelt samt Bar und später mal wieder die Suche nach einer bequemen Stelle zum einschlafen im Zelt auf der Isomatte. In einem der großen weißen Zelte wollte ich nicht schlafen, weil ich ein bisschen Privatsphäre und Alleinsein, sowie kein Geschnarche oder Geschnatter, wenn ich schlafen will, sehr schätze.
Am zweiten Tag wählte ich einen weniger interessanten Workshop und die Auswahl war auch leider nicht so toll gewesen. Der Recherche-Workshop, der mich interessiert hatte, fiel leider aus und so begab ich mich in den Workshop eines Hallensers. Sehr angenehmer Mann, mit sehr angenehmer Stimme und sehr tiefgründigen Gedanken, aber leider auch einem Interesse für sehr langatmige Diskussionen, die mich etwas langweilten und deren Sinn ich nicht verstand. Plötzlich fühlte ich mich wie zuhause in Magdeburg (keine Wunder, Halle ist ja in der Nähe), wo ich unzählige Menschen kennengelernt habe, die viel, tiefgründig und irgendwie auch unverständlich und immer um den Punkt einer Sache drum herum reden müssen. Das scheint also doch eine spezifisch ostdeutsche Angewohntheit zu sein :o)
Den restlichen Nachmittag verbrachte ich also in der Sonne, schlafend und lesend am wunderschönen Bodensee, in praller Sonne, wie man noch jetzt an meiner möhrenfarbenen Haut erkennen kann.

Am letzten Tag (es regnete wie verrückt) war ich im „Audacity Workshop“. Audacity ist ein Audioprogramm, mit dem „Radiomenschen“ arbeiten, um Beiträge zu schneiden oder einfach irgendwie zu bearbeiten. Abgesehen von der ganzen Theorie im ersten Workshopteil (*schnarch*), also wie Audacity entstand, wie es funktioniert, auf welchen Betriebssystemen es läuft und wie man es installiert, war der Workshop wirklich hoch interessant und hat wahnsinnig Spaß gemacht. Ich hätte mich noch ewig mit dem Programm beschäftige können, das wir im Anschluss sogar alle auf CD gebrannt zum Mitnehmen bekommen haben.

Nach 4 Tagen Workshops, unbequemes Schlafen, zweimal täglich Fleisch essen, Sonnenbaden und Uno spielen mit sehr interessanten Regeln, gab es eine Abschlussfeier in einem kleinen blauen Zirkuszelt mit großem DJ-Pult, kleiner Bar, großer Tanzfläche und jeder Menge Sofas. Es wurde ordentlich getrunken, getanzt und wenige nutzen sogar die Zeltstange inmitten der Tanzfläche etwas sinnentstellend. Draußen auf dem Campingplatz wurde die große Feuerstelle auch zum Feuer- und Musikmachen genutzt.
In dieser Nacht habe ich allein in einem der großen, weißen Zelte geschlafen, da es regnen sollte und ich mein Zelt, das ich von Maria bekommen hatte, trocken einpacken musste. Es war die erste komfortable Nacht auf dem Campingplatz, dennoch bereue ich es nicht, zuvor in meinem eigenen Zelt geschlafen zu haben.
Überhaupt haben die meisten Leute in ihren eigenen Zelten geschlafen, sodass die Mehrzahl der weißen Zelte, vor allem die „Party-Zelte“ leer blieben. Von den Leitern des Camps wurde uns erzählt, dass wir seit dem ersten Radio-Camp vor 13 Jahren die ruhigste Truppe waren…dennoch wurde uns am letzten Abend um 2 Uhr der Strom abgedreht, weil die Musik zu laut war.

Alles in allem waren die 5 Tage sehr lehrreich, ich habe viele Leute kennengelernt und noch viel mehr über das Radiomachen erfahren. Sandra hat mir auch zum wiederholten Male angeboten, bei Radio ARA zu arbeiten oder bei einer Sendung mitzumachen. Mal sehen, ob ich Zeit und Mut finde, darauf einzugehen.
Auch die Gesellschaft der 6 anderen Luxemburger war recht angenehm. Einziges Manko war, dass sie sich ausschließlich auf luxemburgisch unterhielten und ich deshalb zum einen unter einer Sprachstörung litt und mir spätestens ab dem dritten Tag unwohl wurde, wenn ich auch nur ein Wort luxemburgisch hörte. Diese Sprache klingt nämlich wie grammatikalisch falsches, unsauberes und genuscheltes deutsch mit ein paar Fremdworten. Bis jetzt wird mir beim Hören des morgendlichen, luxemburgischen Radios schlecht…ich kann es nicht mehr hören und meine Sprache leidet bedenklich. Ich beginne (haltet euch fest!) auf luxemburgisch zu denken! Wenn ich Abends ins Bett gehe, dann schwirren mir all diese luxemburgischen Gespräche im Kopf rum….es ist furchtbar. Ansonstens wars aber wirklich überraschender Weise super!


Mit dieses Worten…hab euch lieb
knutschi

Fotos gibts wie immer bald beu studivz.

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