Mein Samstag in Liége...

Letztes Wochenende, also ein Wochenende nach dem Nationalfeiertag, also der Tag, an dem meine Oma Geburtstag hat, also kurz gesagt am 28. Juni, machte ich eine kleine Reise.

Schon lange habe ich eine Liste mit Reisezielen in den umgebenden Ländern Frankreich, Belgien und Deutschland. An diesem besagten Samstag ergab es sich nun, dass Liége (gesprochen: Liääsch; deutsch: Lüttich), eine Stadt in Belgien an der Reihe war. Noch dazu hatten wir jemanden, der uns die schönsten Ecken der Stadt zeigen konnte: Unser Freiwilliger Liam (halb Italiener, halb Deutscher) macht nämlich seinen Freiwilligendienst in Belgien, ist schon oft in Lüttich gewesen und hat sich bereit erklärt, die Stadt einmal von ihrer schönen Seite zu präsentieren.

Gegen Mittag kamen Pia (deutsche Freiwillige) und ich, nach einer langen Abschiedsparty in der Nacht zuvor, schlaftrunken in Lüttich an und waren froh, dass man die Sitze im Zug zu Betten umfunktionieren konnte. Eine Funktion, die wir nur zu gern genutzt hatten.
Kurze Zeit später kamen Liam und unser Freiwilligenpärchen Vangelis (Grieche, in Wirklichkeit Evangelos) und Monica (aus Lettland…oder wars Estland?) genauso müde am Bahnhof an. Schon dieser neue Bahnhof bietet mit seinem strahlenden weiß und seinen Tausend Fenstern einen wunderschönen Anblick.

Nur schade, dass die Umgebung des Bahnhofs sehr trist war, das Wetter ebenfalls furchtbar grau war und ich keine andere Stadt kenne, in der der Bahnhof so weit entfernt ist vom Zentrum der Stadt.
In der folgenden Stunde spazierten wir auf dem Weg ins Zentrum durch das noch triste Lüttich. Und auf einen Schlag änderte sich das Flair und die Stadt zeigte sich von einer ganz anderen, schöneren Seite: Enge, von Menschen überfüllte Strassen gesäumt von hohen, alten, schönen Häusern gaben einem kleinen Flohmarkt, vielen kleinen Läden, Cafés und Pubs eine gemütliche Atmosphäre…
Noch nie bin ich durch eine Stadt gegangen und habe mich so sehr durch Europa geschleudert gefühlt, wie in Lüttich. Im einen Moment sagt jemand „Hier sieht es aus wie in Italien“ und im nächsten Moment waren wir uns einig, dass die Straße doch eher einer Londoner Straße ähnelt oder ein bestimmter Platz den Eindruck vermittelt, man sei in Amsterdam. Lüttich ist voll von Einflüssen…an jeder Straßenecke glaubt man, in einer anderen Stadt oder hier schon einmal gewesen zu sein.

Nachdem wir verzweifelt eine Möglichkeit günstig zu essen gesucht haben und in einem Café gemütlich große Sandwiches, Crepes und Waffeln verschlangen, ging es weit durch die Stadt. Plötzlich zeigte sich, dass es Sommer ist. Für eine Stadttour wurde es unerträglich heiß, noch dazu machte uns die Hitze, das Essen und die zu lange Nacht nur noch träge.
Und dann, in diesem trägen, müden, heißen Moment erreichen wir sie: Eine Treppe, wie sie nur aus einem schlimmen Albtraum entspringen kann. Wie ich recherchiert habe, hat sie 374 Stufen und damit für unseren Zustand mindestens 370 Stufen zu viel. Wir verdrehten die Augen, aber wir stöhnten, wir schwitzten, wir pausierten, wir jammerten, wir hechelten und wir dursteten und schließlich nach oben bis zur letzten Stufe. Die Aussicht war recht beeindruckend, allerdings war sie auch alles, was einen dort oben, abgesehen von einer Bank, erwartete.

Sie war zu lang, viel zu lang


Oben hinter der Treppe war nur ein, wenn auch wunderschönes, Wohnviertel, dessen Straßen steil bergab gingen und uns so wieder schnurstracks nach unten führten. Wieder einmal folgt die Erkenntnis: Man erklimmt Berge anscheinend überall auch der Welt nur einzig und allein, um wieder herunter zu wandern.

Der restliche Tag ging mit Spazieren, Schwitzen und dem Besichtigen von Plätzen, Gebäuden und Kirchen weiter. Am frühen Abend legten wir noch eine Pause in einem Café ein und die Jungs bestellten sich ein Kwak: ein starkes, typisch belgisches Bier, das man nur in diesem Land erhält und gemäß der Tradition aus äußerst seltsamen, speziellen, sanduhr-förmigen Gläsern trinken muss.

Nachdem wir Monica zurück zum Bahnhof gebracht hattet, sie fuhr wieder nach Hause, beschlossen wir zu müde zu sein, um Abends noch ein Bier in einem Lütticher Pub zu trinken und um 21 Uhr den letzten Zug zurück nach Eupen zu nehmen, die Kleinstadt, in der Liam wohnt. Bis dahin begaben wir uns auf die Suche nach den berühmten belgischen Pommes.
Auf dem Weg dorthin betrachteten wir von einer Brücke aus die Maas (ich fühlte mich wie Zuhause an der Elbe), gingen in einen Tante-Emma-Laden und begegneten zum dritten Mal in Folge einem alten, dicken Mann mit Weihnachtsmann-Gesicht und merkwürdiger Tracht. Die letztendlich gefundenen Pommes waren zwar lecker, preiswert und absolut genug, um satt zu werden, allerdings war zu viel Salz auf ihnen und ich habe die falsche der ca. 15 angebotenen Soßen gewählt. Notiz an mich: Soße „Andalouse“ ist nicht mein Fall. Man sollte doch bei dem bleiben, das man kennt.

Als es plötzlich 20 vor 9 war, mussten wir einen Bus nehmen, um unseren letzten Zug überhaupt noch schaffen zu können und dann auch noch innerhalb von 5 Minuten vom Bus zum Zug laufen. In Eupen folgte dann eine halbe Stunde Fußmarsch bis zu Liams Zuhause, was jedoch weniger an der langen Strecke vom Bahnhof bis zum Wohnheim, als eher an unseren lahmen, platten Füßen lag.

In Eupen arbeitet Liam mit behinderten Jugendlichen und Erwachsenen und wohnt auch in einem Wohnheim für ca. 20 Erwachsene mit schwerer, geistiger Behinderung. Jeder Bewohner hat sein eigenes Bad sowie einen eigenen großen Wohnraum, der durch eine halbe Wand in Küche und „Lebensraum“ getrennt wird.
Schwer vorstellbar für mich, aber auch Liam lebt hier tagein, tagaus. In seinem Zimmer angekommen, mussten wir jedoch leider feststellen, dass einer unserer Schlafplätze fehlt. Eine der drei angeforderten Matratzen wurde Liam nämlich wieder entzogen. Nach einer Suchaktion durchs Haus kehrte Liam zurück mit einer blauen, kleinen, schmalen, aufblasbaren Pool-Matratze, die für eine Nacht zu seinem Schlafplatz degradiert wurde.

Ansonsten folgte an diesem Abend nur noch Gemütlichkeit. Vangelis und Monica hatten sich in Lüttich eine Wasserpfeife gekauft, die es nun natürlich einzuweihen galt. Nachdem dafür (mit fast flüssigem Apfel-Tabak) alles fertig präpariert war, stellten wir jedoch fest, dass Liam kein Aluminiumpapier im Haus hat, etwas, das zum Rauchen einer Wasserpfeife um jeden Preis benötigt wird, um das Stück Kohle zum Erhitzen des Tabaks darauf zu legen. Die fanatische Suche nach Alufolie begann. Kaugummi-Papier? Brennt! Das Silberpapier einer Zigarettenschachtel? Brennt! Das Papier am Verschluss einer Weinflasche? Zu klein! Usw.…
Unsere Lösung war der Aluminium-Deckeln eines Marmeladenglases, der zwar im Grunde genommen seinen Job tat, aber zu dick war, nicht genug Wärme durchließ und das Rauchen so unmöglich machte. Was soll’s…Rauchen ist ja ungesund!

Nach einem mitternächtlichen Abendbrot, Sandwiches mit Soße „Samurai“ (Notiz an mich: mhh…lecker), gings ab in die Heia. Hin und wieder aufgeweckt von schreienden, gegen die Wand schlagenden oder mit Bällen dribbelnden, behinderten Mitbewohnern, war die Nacht nicht allzu erholsam und mein Respekt für Liams Wohnsituation wuchs ins Unermessliche.

Nach dem Frühstück, Sandwiches mit Soße „Samurai“, machten Vangelis und ich uns mit Zug auf zurück nach Luxemburg, wo Martin mich für seinen letzten Besuch vor meiner Heimfahrt Zuhause schon erwartete.

Pia blieb mit Liam in Eupen und besuchte den Musikmarathon, ein großes Musik Festival, auf das ich verzichtet hatte, damit Martin mich eher besuchen konnte (und ich mir Abends in der Stadt das EM-Finale Spanien-Deutschland angucken konnte).
Alles in allem war der Tag in Lüttich lustig, voller guter Gespräche, guter Freunde und gutem Essen. Noch dazu fühle ich mich jetzt kulturell durch die Besichtigung der Stadt gebildet :o)

Das Fotoalbum gibt’s seit gestern auf studivz.


Ich schick euch liebe Grüße,
Sandra

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