Dienstag, 5. August 2008

Was es so für Neuigkeiten gibt…

Über mein WG-Leben in einem Haus mit 5 Leuten habe bisher nur sehr wenig geschrieben. Es gibt Dinge, die sich nie geändert haben, wie z.B. dass der Franzose Sebastian (ca. 29) niemals da ist und ich ihn bisher ca. 4 Mal gesehen habe, dass Kay (41) ein äußerst intelligenter Zeitgenosse ist, dessen Weisheiten ich mittlerweile sehr zu schätzen weiß, dass ich seine Freundin Sandra (29) als nur wenig sympathisch dafür aber umso distanzierter und kühl empfinde, dass Ender (21) wie ein kleiner Bruder für mich ist und selbstverständlich, dass Maria (29) zu meiner besten Freundin in Luxemburg und generell zu einer meiner besten Freunde geworden ist.

In all diesem Getummel gibt’s natürlich auch mal Neuigkeiten. Außerdem kann ich euch bereits über den Verlauf des Monats August aufklären. Die nächsten 19 Tage sind immerhin die letzten hier, vor meiner Rückkehr nach Hause. Ja richtig, die fast 7 Monate im Ausland vergingen rasend schnell.


Maria:
1)

Vor sechs Jahren hat Maria in Luxemburg einen Freiwilligendienst wie ich gemacht und blieb danach für immer hier. Seitdem arbeitet sie in verschiedenen Anstalten mit behinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Als studierte Sozialpädagogin ist das ihr Traumjob. Sie erklärte mir einmal, wie sehr sie die Kinder und Jugendlichen liebt, da sie schließlich jeden Tag mit ihnen verbringt, sie beschäftigt und erzieht und sie gewissermaßen auch mit aufzieht.
Seit 6 Jahren nun ist es ihr ausgemachtes Lebensziel, aus dieser Halbtagsstelle einen Vollzeitjob zu machen und von ihren Arbeitgebern dauerhaft unter Vertrag genommen zu werden.

Am Freitag vor zwei Wochen erfüllte sich dann ihr Traum und sie unterschrieb einen festen Arbeitsvertrag über 40 statt wie zuvor 20 Arbeitsstunden die Woche. Die Freude war groß, aber gleichzeitig auch der Schock, mit 29 Jahren den vorerst größten Lebenstraum erfüllt zu haben und gleichzeitig doppelt so viel arbeiten zu müssen, als sie es jemals gemacht hat. Neben der Angst, sich von nun an nur noch der körperlich äußerst anstrengenden Arbeit verschrieben und keine Freizeit mehr zu haben, hat sie auch gleich ein neues Lebensziel aus dem Hut gezaubert: ab jetzt wird gespart für ein eigenes kleines Häuschen irgendwo im Grünen in Luxemburg, weit weg von Sandra und Kay ;)


2)
Seit meiner Freundschaft mit Maria weiß ich, dass sie über ein Tattoo nachdenkt. Sie möchte einfach so eins, unbedingt, denn sie denkt, dass es langsam Zeit wird ;) Zur Erklärung, wie sie darauf kommt: Maria ist eher der rockige Typ, kein typisches Mädchen. Früher war sie ein Punk, hatte zwischendurch auch mal Rasta-Locken und trägt heute noch ein Zungen-, Bauchnabel- und ein Nasenpiercing. Klingt abschreckend, ist es aber nicht…
Sie ist also der Typ für Tattoos, das kommt nicht von Ungefähr.

Wochenlang hatte sie nun im Internet nach einem passenden Tattoo für sich gesucht und endlich eins gefunden, das uns allen gefiel. Es handelte sich um einen großen Pfotenabdruck von ihrem Hund Txalo (gespr. Tschalo), der allerdings nicht einfach nur schwarz ausgefüllt war, sondern in dem Txalo höchstpersönlich abgebildet werden sollte.

Am Samstag hat Maria jedoch offiziell ihre Meinung geändert und nach etwas anderem im Internet gesucht: Nach einem Tattoo, das aussieht wie eine zusammen genähte aber noch offene Wunde oder Narbe. Klingt drastisch, ist es auch….
Nachdem sie am Samstag beim Tätowierer in Luxemburg war, wurde der Termin für die Tätowierung für Dienstag festgelegt. Das gute Stück sollte auf dem linken Schulterblatt landen.
Nachdem sie mir erklärt hatte, was ihr dieses Tattoo bedeutet (= sie wurde in der Vergangenheit verletzt und möchte dies nun nicht mehr länger im Innern verstecken, sondern zeigen) fand ich es ok. Die Hundepfote war jedoch trotzdem schöner.

Heute waren wir dann also im Tattoo-Shop und es ging ans Werk. Ich wollte mir das ganze unbedingt anschauen und mit Kamera dokumentieren. Als wir ankamen, war es noch ziemlich voll und niemand kümmerte sich um uns. Gleich neben dem Eingang lag ein Mann auf einer Art Krankenhausbett und schaute dabei zu, wie sein Arm von einer Frau mit 3 Sternen verziert wird.
Das kam etwas zu plötzlich für mich. Von dem Geräusch, das die Tätowierungs-Nadel auf der Haut macht und der Flüssigkeit, die aus seiner frischen Wunde (was eine Tätowierung ja nun mal ist) trat, wurde mir übel und ich hatte kurzzeitig das Gefühl, mich gleich zu verabschieden. Glücklicherweise hat’s aber keiner gemerkt und ich konnte mich mit den Modellbüchern ablenken. Da wir noch mal weg geschickt wurden, gingen wir was trinken, mittlerweile zu dritt, da eine weitere Freundin von Maria noch kam, die ebenfalls schon tätowiert ist. Die Spannung steigerte sich ins Unermessliche.
Erst als wir was trinken gingen, legten wir zu dritt und mithilfe einer Kamera fest, wo genau die Tätowierung sein sollte, welche Größe und welche Form sie haben muss. Dann ging es zurück in den Laden. Maria war derweil sauer, dass sie nicht von dem Tätowierer ihrer Wahl tätowiert werden sollte, sonder von dem Mädchen, das schon den Typen vor uns tätowiert hatte. Dem hatte sie am Wochenende allerdings nicht ihre Idee geschildert. So kam es, dass das Mädchen (Australierin, bildhübsch, voller Tattoos) kurz vorm Tätowieren zum ersten Mal das Motiv sah und noch nichts vorgezeichnet hatte, was uns alle umso nervöser machte. Das Vorzeichnen und gemeinsame Schildern von Marias Wunsch passierte also alles spontan.

20 Minuten später war die ganze Schose beendet. Maria hatte kaum Schmerzen und wirkte die ganze Zeit über wie in Trance, während ich mich mit ihrer Freundin unterhielt. Diesmal hatte ich kein Problem gehabt, das Geräusch zu hören oder das Tätowieren zu sehen. Und als es vorbei war, waren wir alle überrascht, wie schnell man seinen Körper für den Rest seines Lebens zeichnen lassen kann.

Wer das Ergebnis sehen will, muss auf das Fotoalbum warten.
Wer sehen will, wie das Ergenis aussieht, muss sich das Fotoalbum ansehen


Ich würde jetzt als Resultat zu gerne sagen: „Das Ergebnis kann sich sehen lassen“. Und tatsächlich hat die Tätowiererin erstklassige Arbeit geleistet in ihrer Darstellung. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass das Motiv eine offene Wunde ist, zugehalten durch zwei Sicherheitsnadeln. Das ist eines der 10 beliebtesten Punk-Motive schlechthin und Maria ist glücklich und zufrieden, was ja auch das wichtigste ist.
Ich finde die Arbeit ziemlich erstaunlich schön, verstehe Marias Beweggrund für das Motiv, finde es allerdings zu wenig feminin oder ästhetisch. Mal sehen, ob sie ihren Vorsatz einhalten kann, dass ihre Eltern dieses Tattoo niemals zu Gesicht bekommen, obwohl sie bald 5 Wochen in Spanien sein wird :)


Ich:
1)

Was das Reisen betrifft, hat sich für mich ein glücklicher Zufall ergeben. Wie ihr euch vielleicht erinnert, hat mich im Sommer Elke besucht, eine Freiwillige aus Deutschland, die ich auf dem Vorbereitungskurs vor meiner Ausreise kennengelernt hatte und die ihren Freiwilligendienst in Schweden absolviert.
Der Zufall, der sich nun ergeben hat, ist, dass ich jetzt auch Elke in Schweden besuchen kann. Wir haben beide zur gleichen Zeit nichts zu tun und haben früh genug darüber geredet, so dass die Flugtickets nach Stockholm noch ausgesprochen billig waren. Nach nur zwei Stunden und fünf Minuten im Flugzeug komme ich an.
Los geht es am Montag den 11. August, zurück komme ich am Samstag den 16. August. Natürlich werde ich wieder genau Bericht erstatten über alles ;) So lohnt sich doch der Freiwilligendienst und lässt sich gut ausnutzen.

Am nächsten Tag, dem 17. August, fährt Maria leider nach Spanien und bleibt dort für 5 Wochen, um ausgiebig ihre Familie und Freunde zu besuchen. Das heißt für mich, schon eine Woche vor meiner Heimkehr am 24. August Abschied von ihr zu nehmen und mich 4 Tage lang mit Kay und Sandra im Haus zu langweilen. Sehr schada…und auch sehr schade, dass es aufgrund vieler Komplikationen dann doch nicht geklappt hat, dass ich Maria im August in Spanien besuche, da sie doch nicht wie geplant am 1. August abreisen wird.
Dafür fahre ich ja nach Schweden und habe Maria bis dahin noch 11 Tage länger bei mir. So ist es eigentlich besser…

2)
Am Sonntag Abend erhielt ich einen Anruf von Liam, dem italienische Freiwillige, der in Belgien arbeitet (und zur Erinnerung zu dem alten Trio Paul-Liam-Ich gehört). Sein Anliegen war einmalig, uneindeutig und äußerst spontan. Er erklärte mir, dass er und Vangelis sich entschlossen haben, einen Kurzfilm zu drehen, für den sie jetzt noch eine weibliche Schauspielerin benötigen. Bei den wenigen noch vorhandenen Freiwilligen in Luxemburg war ich noch die einzige Option. Die Frage war also, ob ich an ihrem Film teilnehmen könnte, wenn ich am Montag zufällig nichts zu tun hatte. Da ich tatsächlich nichts vorhatte, sagte ich zu und bereute meine Entscheidung gleich, als das Telefonat danach beendet war. Ich erfuhr nichts weiter: Worum es in dem Film geht, welche Rolle ich zu spielen habe, wie lange die Aktion dauern sollte.
Am Abend erhielt ich dann noch eine Mail, in der die Handlung und meine Rolle kurz umrissen wurde und erklärt wurde, dass der ganze Film im Zug spielt. Natürlich nicht in irgendeinem Zug. Nur in dem Zug, der von Luxemburg Stadt nach Belgien (Lüttich) und wieder zurück fährt, da dieser Zug als einziger ganz spezielle, abgeschlossene Zugabteile hat. Zum einen ist das optisch etwas sehr besonderes, zum anderen kann man nur in solchen Abteilen anständig und in Ruhe filmen.

Das Ergebnis ist folgendes: Eine Weltreise. Zuerst fuhr ich in ein kleines Dorf (30 Minuten Bus, 30 Minuten Zug), um etwas für Vangelis’ Kamera abzuholen, das er vergessen hatte. Dann fuhr ich nach Troisvierges (vom kleinen Dorf aus 1,5 Stunden Zug), zur letzten mit Zug erreichbaren Kleinstadt vor der belgischen Grenze, wo Paul gewohnt hatte. Dort wartete ich 45 Minuten auf den Zug, der nach Luxemburg Stadt zurück fuhr und in dem Liam und Vangelis sich laut Plan bereits befinden sollten und den Film drehten.

Ich fand sie auch in diesem Zug und war überrascht über den Anblick, der sich mir bot. Ich weiß nicht, wie ich mir die Sache vorgestellt habe, aber ich hatte jedenfalls keine professionelle Kameraausrüstung erwartet mit einer richtigen kleinen Fernsehkamera und zwei irrsinnig großen Stativen, ein Drehbuch mit allen Dialogen und Monologen, sowie ein fertiges Storybook, in dem jede Aufnahme-Sequenz, die gemacht werden muss, per Hand aufgezeichnet und nach Kategorien geordnet war. Noch dazu hatten die Jungs für jede Menge Film-Equipment gesorgt, das für die Darstellung der Szenen gebraucht wurde. Liam, der die männliche Hauptrolle spielte, hatte viele verschiedene Outfits mit, da der Film an vielen verschiedenen Tagen spielt.
Vangelis war der Mann hinter der Kamera, wie auch in seinem Freiwilligenprojekt in Luxemburg in der Jugendherberge in Eisenborn, die ich im letzten Eintrag erwähnt hatte. Dort hat er sich auch sämtliche Utensilien, also Kamera und Stative, ausgeliehen.

Die Jungs gingen also erstaunlich ernst an die Sache ran und Liam spielte seine Rollen überzeugend. Allerdings rannte uns die Zeit davon. Vier Mal sind wir von Troisvierges nach Luxemburg und wieder zurück gefahren, hatten also vier Mal jeweils eine Stunde Zeit zum Filmen. Das ist jedoch nicht viel, denn vier Mal mussten wir ein freies Zugabteil finden und vier Mal mussten wir den Schaffner überzeugen, in der ersten Klasse bleiben zu dürfen, was uns einmal nicht gelang. Nur dort hatten wir allerings genug Platz und Ruhe.
Tatsache ist, dass man für einen Kurzfilm von ca. 10 Minuten MINDESTENS 2 Drehtage, aber eigentlich viel mehr bräuchte.

Aufgrund des ständigen Umsteigens, dem Kamera auf- und abbauen, der Abteilsuche, dem Gespräch mit dem Schaffner, dem Outfitwechsel, der Orientierungsphase, welche Szene jetzte gedreht werden musste, der ständigen Unterbrechung durch Zugtunnel und der Tatsache, dass ich meinen Text zum ersten Mal am Drehtag gesehen habe und erst lernen musste, verloren wir viel Zeit und sind nicht fertig geworden.
Leider haben wir keine Möglichkeit den Film zu beenden, da Liam am Sonntag nach Italien zurück kehrt. Bis dahin werden alle Solo-Szenen mit ihm und mit mir gedreht werden können, allerdings gibt es keine Möglichkeit mehr, die Partnerszenen zu drehen. Somit hatte ich einerseits das Projekt kurzfristig gerettet, anderseits habe ich auch einen Strich durch die Aktion gemacht, da ich Abends noch etwas zu tun und deshalb keine Zeit hatte, noch einmal 2 Stunden mit Zug hin und herzufahren. Dann hätten wir es nämlich geschafft, die Szenen zusammen abzudrehen und der Film wäre fertig geworden. Sehr schade…und ich habe eine schlechtes Gewissen, auch wenn esnicht nur meine Schuld ist, dass das ganze nicht mehr funktioniert hat.

Dem ganzen konnte ich jedenfalls mehrere Erkenntnisse abringen. Erstens: Einen Film kurzfristig zu planen funktioniert, Schauspieler kurzfristig anheuern funktioniert jedoch nicht, aufgrund anderweitiger Verpflichtungen, die nicht mehr abgesagt werden können. Zweitens: Vor der Kamera stehen macht mich nervös, es kribbelt in den Fingerspitzen, aber es macht irgendwie auch Spaß, was ich nicht gedacht hätte. Das Gefühl war elektrisierend. Irgendwie hätte ich nichts dagegen, so etwas wieder zu tun. Am meisten Spaß macht es, sich das Resultat anzusehen und ich gebe ein recht gutes Bild ab, finde ich ;)
Und drittens: Ich will hinter der Kamera stehen! Als ich eine kurze Szene, einen Dialog zwischen Vangelis und Liam gedreht habe, fiel mir plötzlich ein, wie viel Spaß ich als kleines Mädchen mit der ersten (und bisweilen einzigen) Kamera meinen Papas hatte, als er sie vor eeeewigen Zeiten gekauft hatte. Mittlerweile ist das Teil sicher ein Relikt, die Aufnahmen sind qualitativ nicht sehr hochwertig und nicht mal zu vergleichen mit den heutigen Aufnahmen einer billigen Digicam. Die Kamera war weder leicht, noch besonders schön (im Vergleich zu den Modernen) und würde heutzutage von einigen Teenagern wahrscheinlich nicht mal mehr als Solche identifiziert werden können…aber ich hatte Spaß, hinter der Kamera zu stehen, über das Arrangement der Leute und Geschehnisse vor der Kamera nachzudenken, jemanden in Szene zu setzen oder gar heimlich zu filmen. Daran musste ich mich erinnern.
Und mir ist schlagartig klar geworden, dass ich nichts dagegen hätte, (mindestens neben-)beruflich hinter der Kamera zu stehen, vielleicht kleine Drehbücher zu schreiben und sie zu inszenieren. Das würde mir zumindest besser gefallen, als das tägliche, stumpfe Schreiben für eine Zeitung, wie ich es bisher kennengelernt habe. Mal sehen, was ich aus dieser Einsicht noch machen kann...


Mietzi:
Nur mal so als kleine letzte Randnotiz zur Abrundung des Ganzen: Unsere Katze Mietzi, der Räuber im Haus, hat einen neuen Rekord aufgestellt und sich dabei selbst übertroffen. Vor ca. 2 Wochen brachte sie einen Vogel nach Hause, der halb so groß war wie sie ;) Aber auch auf dieses Foto müsst ihr euch bis zum Fotoalbum gedulden....:-P


So das wars an Neuigkeiten von mir. Ein kleines Fotoalbum hierzu wird es auch wieder geben. Bald...

Ich denk an euch!
Sandra

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